Fjeden Digga

„Ok Jungs, ihr wisst warum ihr hier seid?“ fragte Herr Bischoff, während er eine Augenbraue so hoch zog, dass sie kurz davor war, seine Stirn zu verlassen. Skeptisch und ein bisschen genervt musterte er Jason und Maurice von oben bis unten und fragte sich, welche Geschichte ihm wohl diesmal präsentiert werden würde. Er war Hausmeister an einer Gesamtschule. Einer vom alten Schlag, der den elenden Schülern kaum etwas glaubte und sich täglich mit der Frage beschäftigte, was aus unserer Jugend nur geworden ist. Trotz Zigarette im Mund konnte er so gut und gewählt sprechen, wie kaum ein Zweiter. Er war ein einfacher Mann mit vielleicht nur einer einzigen Latzhose, aber er achtete bei den Schülern stets auf Haltung und Ausdruck. Immer schon.

„Man, ich weiß es nich Herr Bischoff, ich schwör, was is los?“, entgegnete Maurice gelangweilt und emotionslos, fast dreist.

„Worauf schwört ihr eigentlich immer so? Ihr schwört den ganzen Tag, mal aufgefallen? Und was los ist? Ihr seid gestern nach der sechsten Stunde verdammt nochmal beim Sprayen hinter der Sporthalle gesehen worden.“

„Auf keinsten, ich schwör auf alles – von wen sollen wir denn gesehen worden sein? Kann ich auch ne Kippe?“

„Von WEM heißt das! Und nein, natürlich gebe ich Dir keine Zigarette.“

„Von WEM denn? Gestern? Bruda, nach Sport sind wir mit Jacky ihren Leuten zu Penny oder?“, fragte er Jason.

„Fjeden Digga. Gestern, wir hatten so Bock, wir sind noch nicht nach Hause. Mach mal Sprachnachricht an von gestern. Mit Jacky die.“

Herr Bischoff unterbrach die beiden vorwurfsvoll: „Ich will die Sprachnachricht gar nicht hören. Und es ist mir egal, ob eine Jacky dabei war oder nicht – ihr seid gesehen worden, also redet euch nicht raus. Außerdem könntet ihr ruhig mal normal miteinander sprechen.“

„Haha Jason, Macker, red mal normal hat er gesagt. Reiß dich zusammen, du Otto. Geb mal iPhone“, sagte Maurice lachend. Er suchte Inhalte auf dem Smartphone und schmatzte dabei unheimlich laut mit seinem Kaugummi, während Jason zum nächsten Erklärungsversuch ansetzte.

„Herr Bischoff, wir haben gestern voll lange gebraucht beim Umziehen nach Sport und waren dann die einzigsten in der Halle. War echt so, alle waren fertig außer wir. Aber Jacky und die anderen haben vor der Halle gewartet. Sie hat noch Sprachnachrichten geschickt, dass wir zu Penny wollen, isso. Maurice hat sich mega fame gefühlt dann, als wär er ein Babo.“

Maurice fand die entsprechende Sprachnachricht tatsächlich auf dem Handy von Jason und spielte sie laut ab: „Geb mal Gas Jason, Du bist langsamer wie meine Oma. Normal sind wir Mädels immer langsamer, aber jetzt bist Du voll langsam. Wir wollen jetzt aber los. Kein Bock mehr zu warten, sehen uns sonst später. Scheiße kalt hier.“

„HAAALLOOO!! Jungs! Merkt ihr das gar nicht? Wie ihr redet? Schreibt ihr auch so?“

„Boah, hör ma auf Herr Bischoff, ich bin voll schlecht in Deutsch. Normal kann ich das gut, aber im Moment nich mehr. Bin mit’m Zocken angefangen, das suckt Alter. Is aber aber auch egal – ich mach später eh ne Lehre als ein Maurer und krieg’ dick Kohle“, lachte Maurice noch immer und guckte dabei durchgehend aufs Handy. „Digga, is das die, die so scheiße küsst, von der Du erzählt hast?“

Herr Bischoff wusste nicht was schlimmer war – die Gleichgültigkeit oder die verhunzte Sprache. Jedenfalls reichte es ihm. Entschlossen griff er nach dem Handy und schaffte es so, dass Maurice ihn endlich mal ansah. „Ihr kommt jetzt mit und macht den Scheiß weg! Und auf irgendeine Strafe könnt ihr euch auch einstellen.“

„Wegen was denn? Bisschen Farbe an der Wand?“

„Also seid ihr es doch gewesen?“

„Bisschen sprayen dies das – wegen mir gehen wir da eben bei und machen das weg. Is einfacher, komm Jason. Ich weiß weiß noch, wo wir mal alle Wasserhähne aufgedreht haben. Macker, da haben wir richtig kassiert am Ende.“

Maurice boxte Jason auffordernd gegen die Schulter und sah dabei auf seinen Oberarm: „Waaas – stabil Digga, warst McFit? Los komm, kein Bock auf dick Strafe, lass’ machen eben.“

„Ja, besser Oberarm als oberarm, Keule.“, zwinkerte Jason.

Beide lachten. Herr Bischoff nicht. Er drückte ihnen die Chemikalien in die Hand und deutete per Kopfnicken in Richtung Sporthalle. Dann zündete er sich eine neue Zigarette an, wendete sich kopfschüttelnd ab, nahm es aber schließlich doch gelassen. Je grüner das Holz, desto dicker der Rauch, dachte er. Irgendwas würde aus diesen Jungs auch noch werden. Vielleicht. Hoffentlich.

2 Kommentare zu „Fjeden Digga

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  1. Schon erstaunlich, wie du den Jargon deiner ‚Klienten‘ beherrschst. Da bist du wohl in deiner Karriere viel mit solchen Typen in Kontakt gekommen. Das meiste verstehe ich zwar auch, was mega fame ist, aber schreiben könnte ich so nicht. Das suckt einfach! Aber, Digga, kannst du mir mal erklären, was ‚fjeden‘ bedeutet. Da habe ich gerade ’nen Burnout…. ähh….Blackout. Ansonsten: Großer Sport, Digga!!

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