Internet für „Beginner“

Seit ungefähr vier Wochen beschäftigt mich ein Song der mittlerweile in die Jahre gekommenen Band „Beginner“, die jedem bekannt sein dürfte. Falls nicht – das sind die drei Hamburger Jungs, die sich bis 2003 noch „Absolute Beginner“ nannten. Einer von ihnen ist als Solokünstler mit Namen Jan Delay unterwegs – jetzt klingelt’s vermutlich. Ich erinnere trotzdem gerne an das nie ausgelutscht wirkende Album „Bambule“ aus dem Jahr 1998. Die besten Songs von Eißfeldt, Denyo und DJ Mad, wie z.B. Hammerhart, Liebeslied und Füchse, werden noch heute in den Clubs gespielt. Vorausgesetzt die Clubs sind nicht so mainstream, dass ihnen Gutes von damals nicht auf den Tisch kommt.

In diesem Jahr ist die neue Platte „Advanced Chemistry“ rausgekommen. Und die kann sich sehen lassen. Mir hat es dabei vor allem das Lied „Spam“ inhaltlich angetan. Es geht darin um den technischen Fortschritt unserer Welt und wie wir uns dadurch verändern. Die Beginner beklagen sich zu Beginn zwischen den Zeilen darüber, dass es schwer ist, irgendwie den Anschluss zu finden.

„Ich muss mir mal eben, was von der Seele reden, hab da so Probleme mit dem digitalisierten Leben…“

Sie wirken genervt davon, dass sich alles schnell verändert und dadurch so anonym wird. Da habe ich mich definitiv wiedergefunden. Ich habe das Gefühl, mit der Benutzung der zahlreichen Endgeräte zwar klarzukommen, aber ich verstehe trotzdem die Hintergründe nicht. Und das als 27-Jähriger. Die Beginner fühlen sich wie „Neanderdigitaler“ – treffender kann man es nicht beschreiben. Wir versenden täglich so viele Daten per WhatsApp, Facebook oder Instagram und wissen gar nicht, wo sie sich befinden, wenn wir auf den Senden-Button gedrückt haben. Ich stelle mir das wie ein riesiges Universum vor. Die ganzen Daten schwirren um uns herum, sie sind nie weg, aber auch nie greifbar. Und wenn man einen seiner vielen Accounts löscht, dann geistert das „Digitale Ich“ trotzdem noch in diesem Universum herum. Das wäre vielleicht gar nicht problematisch, wenn alle so wenig Verständnis davon hätten wie ich. Gefährlich wird es erst dadurch, dass es Menschen gibt, die die Dinge ziemlich genau verstehen. Ich behaupte, dass irgendwelche Freaks es innerhalb weniger Minuten schaffen würden, meine integrierte (und nicht abgeklebte) Webcam anzusteuern oder zu lauschen, welche Musik gerade im Hintergrund abgespielt wird. Das macht bloß niemand, weil ich für diese Leute nicht interessant bin. Ich bin ein digitaler Otto-Normalverbraucher. Daher laufe ich auf der Datenautobahn problemlos mit, ohne überfallen zu werden. Trotzdem ist es beunruhigend. Man muss nur die richtigen Kontakte haben und könnte Licht in das dunkle Universum bringen. Und wir befinden uns erst im Jahr 2016. Wie wird das wohl in 50 Jahren sein?

Was die Beginner dann später kritisieren, ist die Art und Weise, wie wir mit den besser werdenden technischen Möglichkeiten umgehen. Wie wir sie anwenden, was wir mit ihnen machen.

„Wo man Gefühle nur als Emoticons wahrnimmt, hundert virtuelle Freunde, kein‘ der ein‘ in Arm nimmt ,wir pumpen mit Fotos unsre großen Egos auf, doch sind innerlich so leer wie ’n Schokonikolaus“ 

Durch solche Verse fühle ich mich wachgerüttelt. Denn es ist ja nicht so, als würde ich den ganzen Kram nicht mitmachen. Ich habe natürlich auch ein Smartphone, bin auch bei Facebook, habe auch einen Instagram-Account und nun sogar noch einen Blog. Mich interessiert auch, welche News es von den Seiten gibt, die ich mit „Gefällt mir“ markiert habe. Ich surfe voll mit auf der digitalen Welle und will das daher gar nicht schlecht reden. Aber man sollte auf gewisse Dinge achten. Man muss differenzieren. Es ist nicht alles schlecht, aber eben auch nicht alles gut. Wenn sich zwei Menschen im Restaurant gegenübersitzen und quatschen, dann hat das Smartphone in der Tasche zu bleiben. Auch dann, wenn es gerade kurz vibriert hat. Nicht jede Nachricht kann so unheimlich wichtig sein, dass sie sofort gelesen werden muss. Wenn einer der beiden Restaurantbesucher dem anderen aber ein Foto oder Video zeigen möchte, das ihn erfreuen wird, dann ist das doch okay. Dann haben beide was davon. Ich empfinde es nur als hochgradig unhöflich, wenn einer mit seinem Smartphone beschäftigt ist und der andere teilnahmslos daneben sitzt. Das Checken der sozialen Medien kann man doch auch dann machen, wenn man allein ist. Wenn man abends im Bett liegt. Oder wenn man in der Bahn sitzt. Wobei – letzteres sieht heutzutage auch schon wieder komisch aus. Ich würde gerne mal die Reaktion eines älteren Menschen sehen, der nach 30 Jahren das erste Mal wieder Straßenbahn fährt. Was muss das für ein Bild abgeben? Jeder guckt auf sein Smartphone oder hat zumindest Stöpsel in den Ohren. Jeder will ständig verbunden sein. So groß ist der tatsächliche Unterschied zu früher in einer Bahn zwar nicht, denn damals haben die Leute Zeitung gelesen und wohl auch kaum miteinander gesprochen. Aber gefühlt ist das trotzdem etwas anderes. Dieser Wunsch nach ständigem Internet führt dazu, dass eine der ersten Äußerungen bei einem Sit-in mittlerweile lautet: „Hey, schön hast Du’s hier. Wie sind die WLAN-Daten?“

Davon sollte man sich lösen, denke ich. Auf einer Reise habe ich kürzlich die Erfahrung gemacht, wie angenehm es sein kann, wirklich nur am Abend mal kurz mit dem Internet verbunden zu sein. Tagsüber hatte ich das Smartphone nur dabei, um Fotos zu machen. Und wenn ich dann mal wieder ein gelungenes Bild gemacht hatte, dann musste das eben nicht sofort raus in die Cyberwelt. Und meine Profilbilder mussten auch nicht so schnell wie möglich gewechselt werden. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Wenn man jeden schönen Moment sofort (digital) teilen will, dann verlernt man, ihn real zu genießen.

„Und dass die Welt im Dreck versinkt interessiert uns einen Scheiß wir teilen höchstens den Link und spenden dann ein Like“

5 Kommentare zu „Internet für „Beginner“

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  1. Der Song spricht mir aus der Seele. Und Dein Beitrag auch. Nur dass er mir fast zuuu abgeschwächt vorkommt. Viele Menschen haben es verpasst, die digitalen Geschichten als Hilfsmittel zu betrachten. Für viele Menschen, für sehr viele, sind diese Dinge zur Hauptsache geworden. Wie soll man sich auch dagegen wehren? Da muss man schon über einen starken Abwehrmechanismus verfügen. Oder/Und über einen ganz persönlichen SPAM-Filter.

    Das Smartphone meiner Freundin und diese permanent vibrierende Scheiße macht mir immer wieder deutlich, dass ich keines haben möchte. Keinen Bock auf allzu ausgeprägte Fremdbestimmung. Und DEIN Beitrag hat mich daran erinnert, dass mein Weg FÜR MICH der richtige ist. Ich lese tatsächlich sogar mal ’ne Mail erst nach 3 – 5 Tagen. Und bin vorher auch nicht durch irgendeine Info auf den Eingang dieser Mail hingewiesen worden. Denn wäre es WIRKLICH wichtig gewesen, hätte es keine Mail gegeben. Dann hätte es ’nen Anruf oder eine SMS (ja, SMS, keine whatsapp) gegeben. Und wenn ich eine sende, kostet die € 0,19. Jaaaaaaa, sowas gibt’s noch.:) Und meine Mailbox auf’n Handy hab‘ ich vor 16 Jahren besprochen. Da war ich noch ’n junger Mann. Na, relativ jung.

    Wer mich in diesem Zusammenhang als ewig gestrig bezeichnet, hat komplett Recht. Und ich bin stolz drauf. Würde ich alles mitmachen, würde ich mich verlieren. Denn dazu bin ich zu empfänglich für diese Dinge. Ach ja, noch ein Vorteil: Ich lese sogar mal. Sogar Bücher. Das soll’s geben. So aus Papier und so. Und meine Rechtschreibung und Zeichensetzung leidet nicht darunter. Im Gegenteil. Sie profitiert davon. Wenn ich mir junge Leute ansehe, die ihr Abi mit einem Schnitt von 1, irgendwas bestanden haben, bekomme ich manchesmal Pickel, wenn ich von denen 3 Sätze lesen muss. Denn in diesen 3 Sätzen erkenne ich spontan 7 Fehler. Das ist der Moment, wo ich ’n büschen Angst bekomme, was unsere Zukunft betrifft. Und wenn diese jungen Menschen vor einer Gruppe von mehr als 2 Menschen frei reden müssen, bekommen sie ’nen Pulsschlag von 180 und laufen rot an. Warum? Weil sie zwar 1.712 Facebook-Freude haben, aber niemanden, der ihnen sagen kann, wie es wirklich geht. Und niemanden, der sie in den Arm nimmt, wenn der Vortrag tatsächliche inne Hose gegangen ist.

    Dennis, DANKE für Deinen Beitrag!

    Und Ich halte jetzt endlich meine Fresse…:-)))

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  2. Nun habe ich deinen Beitrag das zweite mal gelesen und dazu das Lied gehört. Was die Beginner und vor allem Du hier geschrieben haben, bringt mich wirklich stark zum grübeln. Dazu dieser Kommentar.. Aber das ist nochmal was anderes. Zu mir muss ich gestehen, dass ich selber so ein jemand bin der ziemlich oft an sein Handy geht und dann seine Umwelt völlig vergisst. Für mich ist es ein schlimmes Gefühl zu spüren das mein Handy vibriert hat, aber nicht direkt rauf zu schauen und zu antworten. Bestätigt wird es durch meine Freundin die jetzt schon fast täglich sagt, dass ich nur noch am Handy bin. Dein Beitrag bestätigt die ganze Sache. Wenn ich ein paar Wochen zurück denke, war es für mich furchtbar nicht erreichbar zu sein, da ich im Urlaub war und nur in meiner Unterkunft zuverlässiges WLAN hatte. Nicht umsonst wurde ich auf der Straße von meinen Begleitungen mit der Frage „WLAN?“ bombardiert.

    Wie kann ich es ändern? Ich würde bei mir fast von einer Sucht reden. Ich glaube ich muss es einfach mal in der Tasche lassen und mich dazu zwingen es in Situationen rauszunehmen, in denen ich alleine bin. Ich möchte nicht einer von denen sein die ihre Umwelt vergessen oder noch schlimmer, nicht mehr Leute in Unterhaltungen verwickeln. Noch kann ich etwas ändern und wer weiß was für einen Stellenwert das Smartphone oder allgemein Medien in der Zukunft haben werde. Also gehe ich dem lieber jetzt aus dem Weg und genieße eine Smartphone freie Zeit!

    Auch ich sage: Danke Dennis!

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  3. Voll ertappt!! Stelle mir gerade vor, dass ich im Zug sitzend mal wieder ohne Pause mit meinem Smartphone beschäftigt bin und dabei von älteren Mitreisenden beobachtet werde, die daraufhin den Kopf schütteln, weil ich nicht ein einziges Mal aufschaue, um Blickkontakt mit ihnen aufzunehmen und auf diese Weise eine gewisse Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Wie ich mich verändert habe! Früher habe ich mich doch immer so sehr gegen Smartphones, WhatsApp und Co. gewehrt.und mich ständig mit anderen / älteren Leuten unterhalten. Aber wahrscheinlich gingen die mir so sehr auf die Nerven, dass ich es vorzog, deren Blablabla nicht länger zu ertragen und die Kommunikation zu verweigern. Das Smartphone war und ist nach wie vor dabei eine große Hilfe. Und so tippe ich weiter vor mich hin, stumm und … stumpf …

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