Primetime

Einige Meter vom Haupteingang entfernt, tippelt er in einer dunklen Ecke ungeduldig auf der Stelle. Den Kopf gedankenversunken zum Boden gerichtet, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Wieder schaut er auf die Uhr, zum dritten Mal in den letzten fünf Minuten. Die unangenehme Mischung aus nasskaltem Novemberwetter und erhöhtem Puls erlaubt ihm keine lässigere B-Note. Er denkt an eine Zigarette, die ihm nach außen hin spürbar mehr Unauffälligkeit verleihen würde, doch als Nichtraucher möchte er dem Nikotin nicht die Möglichkeit geben, seinen Darm unnötig zu reizen. Kaum hörbar murmelt er immer wieder halbe Sätze in seinen tief ins Gesicht gezogenen Schal. Dabei versucht er darauf zu achten, das Treiben rund um die ständig rotierende Drehtür im Eingangsbereich zu beobachten. Er sieht aus wie jemand, der die Ankunft eines Anderen auffällig unauffällig zur Kenntnis nehmen möchte. Und je mehr er versucht, seine Nervosität aktiv zu unterdrücken, desto mehr gewinnt sie an Kraft. Das flaue Gefühl im Magen versetzt ihn zwei Jahrzehnte zurück und macht ihn zu einem aufgeregten Schuljungen, der sich die letzten Unterlagen vor einem Referat zurechtlegt.
Er muss ans Frühjahr dieses Jahres denken. Im April hatte er das Lied „Irgendwann im November“ von der Band „Juli“ gehört. Die Namen von gleich drei Monaten haben sich in diesem Flashback eingenistet. Auf der Suche nach dem perfekten Zeitpunkt für sein heutiges Vorhaben, den es ohnehin nicht geben würde, war ihm der Titel des Songs im Kopf geblieben. Irgendwann im November. Gar nicht schlecht. Warum nicht an diesem Freitag.

Um 19:30 Uhr hupt ein Auto vor ihrem Haus. Genau wie vereinbart. Da ihr Freund mit Kumpels um die Häuser ziehen möchte, hat auch sie sich für den Abend verabredet. Etwas zurechtgemacht, aber ohne richtiges Partyoutfit, wirft sie sich ihre wärmste Jacke über die Schultern, schaut noch einmal in den Spiegel, öffnet dann die Beifahrertür und setzt sich neben ihre beste Freundin. Auf dem Weg in die Stadt wird sie auffallend gut gelaunt, fast albern, über sämtliche Belanglosigkeiten der vergangenen Woche ausgefragt. Wie es auf der Arbeit gewesen sei und wie es mit ihrem Freund so laufe. Irgendwas stimmt nicht. Nachdem sich das Auto eine der letzten freien Parklücken gesucht hat, befinden sich die beiden auf dem Weg zur leuchtenden Fassade. Die Redseligkeit ihrer Freundin erreicht einen neuen Höhepunkt. Sie würde sich so auf die Fortsetzung der Geschichte freuen und es wäre ja so sinnvoll gewesen, die Tickets für die Premiere online zu reservieren. Denn man wüsste nie, wie voll es am Wochenende werden würde. Tratschend werden sie von einer gläsernen Drehtür ins Gebäude gesogen.

Warme Heizungsluft schlägt ihm entgegen, als seine Schuhe zehn Minuten später den roten Teppich des Foyers betreten. Der Kontrast zwischen der tristen Hausecke und dem pompösen Eingangsbereich hätte größer nicht sein können. Im Hintergrund läuft bedeutungslose Barmusik, dazu liegt ein Duftgemisch aus Popcorn und ihrem Parfum in der Luft. Noch einmal vergewissert er sich, dass der Vorsprung, den er ihnen gegeben hatte, nicht zu knapp bemessen war. Entschlossen geht er zur Kasse und besorgt sich sein Alibi-Ticket. Diese zwölf Euro sind es ihm natürlich auch noch wert. Auf einem Bildschirm, der neben dem Kassierer steht, werden ihm die wenigen freien Sitzplätze angezeigt. Er spürt, wie sich seine Nervosität von diesem Bild ernährt und muss an Frau Schindler denken, die ihm am Telefon vor einer Woche gesagt hatte, dass der letzte Versuch dieser Art hoffnungslos gescheitert war. Obwohl er seine Sache deutlich besser beherrscht als der Siebtklässler von früher, lässt sich das Gefühl, dass der ganze Plan eine große Dummheit ist, nicht mehr unterdrücken.

Frau Schindler kommt zur vereinbarten Zeit mit ausgestreckter Hand zum Getränkestand. Ihre Begrüßung und die erklärenden Worte wirken wie abgespult. So, als wäre er der 324. Mann mit dieser Idee. Sie deutet auf eine Tür mit der Aufschrift „Kein Zutritt“ und gibt ihm zu verstehen, dass er ihr folgen solle. Wenige Sekunden später steht er am Rande eines mächtigen, zugezogenen Vorhangs. Den Saal kann er nicht sehen, nur hören. Sein Puls rast. Frau Schindler bestätigt nochmal, dass sein Videoclip am Ende der Eis-Werbung abgespielt werden wird und drückt ihm ein Mikrofon in die Hand. Dann verschwindet sie. Es gibt jetzt kein Zurück mehr. Als er sich in diesem Moment das erste Mal fragt, ob seine Freundin die Aktion als unangenehm empfinden könnte, öffnet sich der Vorhang. Für das Publikum nicht erkennbar, steht er weiterhin am äußersten Ende der Leinwand. Er kann jetzt ungefähr die Hälfte des Raumes sehen. Als der erste Werbespot startet, hat er sie noch nicht entdeckt. 

„Langnese Eiscreme – gibt’s auch hier im Kino!“ Dieser Slogan reißt ihn aus seiner zweifelnden Gedankenwelt. Dann startet sein Clip. Es fühlt sich unwirklich und etwas beschämend an, seine eigene, verzerrte Stimme über das Surroundsystem zu hören. Sie erzählt die romantische, aber kitschige Geschichte des Kennenlernens. Er glaubt, in dem flüsternden Publikum einige Frauen zu hören, die von der ersten Silbe an wissen, worum es hier geht. Durch einzelne Phrasen und Laute fühlt er sich bestätigt. Als die letzten Slow-Mo-Effekte über die Leinwand laufen, wird die Musik langsam leiser und das Spotlight schaltet sich ein. Mit einem mutigen Schritt tritt er nach wochenlanger Vorbereitung endlich aus dem Schatten des Vorhangs, hält sich das Mikrofon dicht vor den Mund und sagt mit einer feinen Note Unsicherheit: „Guten Abend. Ich habe nur noch eine einzige Frage: Marie, möchtest Du mich heiraten?“

Stille. Lediglich eine Gruppe älterer Frauen scheint dahinzuschmelzen. Er steht in der Hitze des Scheinwerferlichts und kann niemanden erkennen. Sekunden vergehen. Der Saal wird unruhig. Die vorderen Reihen drehen sich in der Hoffnung, eine peinlich berührte Frau zu entdecken, nach hinten um. Doch sie finden niemanden. Die fehlende Reaktion von ihr bedeutet, dass irgendetwas schiefgelaufen sein muss. Und während er sich eine Hand über die Augenbrauen hält, um zumindest ein paar Menschen erkennen zu können, formen sich die vielen Zweifel in seinem Kopf zu einem Sinnbild für das alles hier. Unsichtbar bewegt er die Lippen und nuschelt zu sich selbst: „Ich bin im falschen Film“.    

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