Mit allen Sinnen

Ich liege der Länge nach auf dem Boden, als ich mit geschlossenen Augen aufwache. Ein vorbeifahrendes Auto muss meinen letzten Traum beendet haben. Alle Gliedmaßen von mir gestreckt, bemerke ich die kühle Dielenluft um mich herum. Zwischen meiner Decke und mir hat ein Rollentausch stattgefunden, denn sie liegt unter mir. Das bin ich gewohnt, dennoch fröstelt es mich. Wie spät es wohl ist? Aus der Ruhe und Dunkelheit meines Umfeldes schließe ich, dass die Zeitschaltuhr für die Heizung von den Morgenstunden noch nicht eingeholt worden ist. Meine drei Mitbewohner schlafen wochentags mindestens bis 08:00 Uhr. Ich befinde mich ziemlich sicher in der zweiten Nachthälfte. Wenn es nach mir ginge, würde der Tag sofort beginnen. Ich stehe auf, schüttele mich kurz und gehe ein paar nervöse Schritte über die kalten Fliesen. Der schwache Schein eines Nachtlichts ist die einzige Erleuchtung, die ich gerade habe. Sie zeigt mir den Weg durch die offenstehende Küchentür, alle anderen Türen sind wie immer verschlossen. Es ist verboten, sie nachts zu öffnen. Mein Pappmaul versuche ich gierig mit etwas Wasser zu beleben. Ich kleckere. Dann stehe ich einen Moment lang mit gespitzten Ohren einfach da und horche. War da was? Nein, es ist still. Diese Tage sind intensiv. Vielleicht sehe ich sie heute wieder.

Ich bewege mich langsam zurück zu meinem Schlafplatz, zupfe mühsam die Decke zurecht und finde nicht sofort die richtige Position. Ich wühle umher, bis ich mich schließlich mit einem tiefen Atemzug, der von einem beruhigenden Schlucken beendet wird, fallenlasse und langsam wegdöse. Halbschlaf auf unbestimmte Zeit – mehr ist es nicht. Halbschlaf, bei dem ich nicht weiß, ob ich gerade eine Minute oder eine Stunde überbrückt habe. Doch dann verrät mir ein nur für mich hörbares Knacken aus dem Obergeschoss, dass es soweit ist. Es geht los. Bevor ich meine Mitbewohnerin sehen kann, spüre ich den Geruch ihrer Waschlotion in meiner Nase. Mit einem Bademantel bekleidet kommt sie die Treppe hinunter und versucht, mich wie jeden Morgen nicht zu wecken. Wann sie wohl versteht, dass ihr das nie gelingen wird? „Hey, Du bist ja schon wach“, sagt ihre flüsternde Stimme, während sich ihr Oberkörper liebevoll zu mir herunterbeugt. Ich liege auf der Seite und gähne, obwohl ich das gar nicht müsste. Sie streicht mir kurz über den Hinterkopf und widmet sich anschließend der Kaffeemaschine. Als auch die anderen beiden den Weg an den Küchentisch gefunden haben, ist meine Morgenroutine längst erledigt. Die Türen zu sämtlichen Räumen stehen jetzt weit offen, ich habe jedes Zimmer überprüft. Nichts Neues. Ich würde gerne nach draußen gehen, darf es aber nicht. Dass ich als Einziger noch nicht gefrühstückt habe, stört mich heute kaum. Ich würde vor Aufregung keinen Bissen herunterbekommen. In der Küche unterhalten sie sich über irgendetwas, während ich im Wohnzimmer an einer geöffneten Keksdose vorbeigehe, die auf dem Couchtisch steht. Ich schaffe es leichter als sonst, der Versuchung zu widerstehen. Dann lege ich mich vor die Terrassentür auf den Fußboden und blicke ins Nichts. Einmal irre ich, sie in der Ferne zu erkennen. Ich will es. Vielleicht sehe ich sie heute wieder.

Ich höre ein Rascheln vom Flur. Einer der drei Gesättigten nimmt seine Jacke von der Garderobe. Jetzt halte ich es nicht mehr aus. Denn eine von der Garderobe genommene Jacke ist wie eine Ampel, die von rot auf grün springt, ohne gelb gezeigt zu haben. Die Haustür erreiche ich deutlich früher als mein Mitbewohner. Ich bin so unruhig, dass er mir befielt, still zu sein. Die Befehle bin ich leid, aber ich komme ihnen nach. Weil ich weiß, dass ich so am schnellsten an die ersten Eindrücke außerhalb meines Zuhauses komme. Ich presse meine Nase gegen den Türspalt, der erst in wenigen Sekunden zu einem solchen werden wird. Neben mir verwandeln sich Schnürsenkel in Schleifen. Als sich die Klinke quietschend senkt, lässt ein kalter Luftzug meine Augenlieder die Hornhaut schützen. Der Winter kommt mit Schnee und Frost um die Ecke, doch das ist mir egal. Irgendwo da draußen ist sie. Vielleicht sehe ich sie heute wieder.

Ich gebe die Richtung vor, zumindest wenige Augenblicke lang. Dann nimmt mir mein Mitbewohner diese Aufgabe ab. So sehr ich mich auch wehre – er bleibt der Steuermann. Es nervt ihn, dass ich mich so wenig unter Kontrolle habe, aber dagegen bin ich machtlos. Als ich an einer Straßenlaterne wittere, dass sie hier irgendwo in der Nähe sein muss, bin ich nicht mehr ansprechbar. Ich reagiere auf nichts. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich mache mich so groß wie möglich, stelle mich aufrecht hin. Selbstbewusster denn je bin ich bereit, ihr mein bestes Ich zu präsentieren. Wir peilen eine Hausecke an. Ihr Duft, der den eisigen Temperaturen zu trotzen scheint, kommt immer näher. Dann sehe ich sie. Dazu höre, rieche und spüre ich sie. Sie guckt mich an, ich schaue zurück. Ich will losrennen, aber es ist nicht an mir, das zu entscheiden. Erst als ihre Steuerfrau ein leichtes Nicken andeutet, presche ich vor. Mein Stolz ragt bis zum Himmel, als wir uns begrüßen. Sie steht majestätisch still, ich umkurve sie. Ein Tropfen Speichel verlässt meinen Unterkiefer. Eine halbe Minute lang verliere ich mich in meinen Wahrnehmungen, dann zieht mich jemand kraftvoll aus diesem Sog heraus. Ernüchtert stolpere ich rückwärts-seitwärts davon. Bevor ich meinen Blick wieder nach vorne richte, vergewissere ich mich, dass auch sie mir hinterherschaut. Diese Tage sind intensiv. Vielleicht sehe ich sie morgen wieder.

 

 

 

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