Kopfsache

Es gab Momente, in denen lief ich mit rasendem Puls wie ein aufgescheuchtes Huhn rastlos umher. Ich ging auf und ab, ich ging im Kreis, ich ging einfach irgendwo hin. An Hinsetzen war nicht zu denken. Mein Brustkorb bewegte sich wie eine Fußpumpe, mit der man eine Luftmatratze aufpustet. Wenn es schlimm war, konnte ich meinen eigenen Herzschlag hören. Wie ein Beat lag er mir im Ohr. Einige Sekunden später stand ich mit gesenktem Kopf da, den Oberkörper nach vorn gebeugt, meine Hände stützten sich auf meinen 30 Jahre alten Knien ab. Bin ich gerade vor oder hinter meiner persönlichen Bestzeit? Der Schweiß lief mir brennend in die Augen, tropfte auf den Boden. So stehen Betrunkene, wenn sie kurz davor sind, sich zu übergeben. Tatsächlich kann ich mich an eine Situation erinnern, in der mir übel wurde. Manchmal wollte ich nicht mehr. Doch mich hat jemand gezwungen, weiterzumachen. Ich.

Heute ist Tag 4 nach 15 Trainingswochen. Und es geht mir gut. Erst habe ich geglaubt, dass das Thema, über das ich hier schreibe, zu langweilig für den Leser sein könnte. Doch das denke ich in diesem Moment überhaupt nicht mehr. Die Rede ist von High Intensity Training (HIT), von sportlichen Höchstleistungen, von Freeletics. Der Hype um dieses Sportprogramm ist eigentlich längst vorbei. Vor sechs Jahren (2013) ging das Unternehmen in München an den Start, erstmals so richtig gekriegt hat es mich 2015. Freeletics bietet, natürlich heute per App, verschiedene Programme an, mit denen sich Ziele wie Allgemeine Fitness, Fett verbrennen oder Muskeln aufbauen erreichen lassen sollen. Der Vorteil: Trainiert wird hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht. Das Rad wird hierbei nicht neu erfunden. Es geht um bekannte Übungen wie Liegestütz, Klimmzüge, Kniebeugen oder Sit-Ups. Mit einer Yogamatte und einer Klimmzugstange lässt sich ein Großteil der Workouts, die griechische Götternamen wie Aphrodite, Hades oder Zeus tragen, schaffen. Für ca. 35 Euro bekommt man einen virtuellen Coach an die Hand, der einem jede Woche einen neuen Plan vorgibt. Die einzelnen Workouts dauern je nach Fitnesslevel zwischen 20 und 40 Minuten. Sie wiederholen sich nach und nach, wobei man das Ziel verfolgt, persönliche Bestzeiten zu knacken. Und: Aufgeben ist keine Option! Das wird einem immer und immer wieder eingetrichtert. Heutzutage werden Neulinge mithilfe eines Fitnesstests eingestuft, bevor unzählige Algorithmen beim Auswerten der Leistungen und Bewerten des persönlich abgegebenen Feedbacks helfen. Der Sportler kann also Einfluss nehmen, wenn ihm das vorgeschlagene Training zu leicht oder zu schwer ist. Das war früher nicht so. Und damit beginnt meine Geschichte.

Freeletics hat sich mit der stetig besser werdenden Technik natürlich auch weiterentwickelt. Es gab immer wieder Updates für die App. Die Entwickler haben offensichtlich verstanden, dass das, was sie da 2013 zuerst angeboten hatten, für Einsteiger einfach viel zu hart war. Doch genau da wollte ich vor 15 Wochen nochmal hin. Mich hat die Abschwächung der einzelnen „Götter“ in der App über die Jahre genervt, ich wollte zurück zum Ursprung. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es früher einen „Strength-Guide“, einen „Cardio-Guide“ und eine Mischung aus beidem. Mehr nicht. Das Ziel ließ sich also nur grob abstecken, bevor die Pläne nostalgisch per PDF verschickt wurden. Der „Strength-Guide“ geistert auch heute noch irgendwo im Internet rum. Ich habe ihn ausgedruckt und zusammen mit einem Kugelschreiber seit nun fast vier Monaten aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch liegen. Die Zeiten, die ich für die Workouts gebraucht habe, habe ich per Hand eingetragen. Irgendwie hatte das was. Genau wie das Umblättern am Ende einer Woche.

Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist der PDF-Plan von 2013, der im Schnitt vier Workouts pro Woche vorsieht, wahrscheinlich dumm. Zumindest ist er nicht zu Ende gedacht. Man kann von einem Anfänger nicht erwarten, dass er mit Venus mal eben locker in Woche 1 startet. Venus beinhaltet vier (!) Runden à 50 Liegestütz, 20 Sit-Ups und 50 Kniebeugen. Wie soll denn Durchschnitts-Jürgen am Montag 200 Liegestütz, 80 Sit-Ups und 200 Kniebeugen machen und in den folgenden Tagen drei weitere Götter dieser Art bezwingen? Auch ich hatte damit Probleme, obwohl ich nicht gänzlich unvorbereitet an die Sache herangegangen bin. Häufig habe ich mich in mühseligen Zehnerschritten durchgebissen. Die Zeiten waren mir anfangs nicht so wichtig, denn ich wusste, dass sie von allein besser werden würden. Für einen blutigen Anfänger würde es das mit Woche 1 dann aber auch erstmal gewesen sein, denn der aufkommende Muskelkater wäre wie die sinkende Schranke an einem Bahnübergang – sie bedeutet erstmal Stillstand. Wer die erste Woche nicht schafft, soll sie so lange wiederholen, bis er sie schafft. Der Anfang ist heftig. Viele Anfänger geben hier auf. Ich weiß zwar nicht genau, woher ich die Disziplin nehme, aber ich habe weitergemacht. Womit ich dann endlich beim Kerngedanken dieses Beitrags angelangt bin. Am Kopf. Bei mir. Und bei Dir.

Es ist ernsthaft beeindruckend, wozu Du in der Lage bist, wenn es da oben einmal Klick gemacht hat. Ich wünsche jedem diese Erfahrung, denn sie gehört nicht wie selbstverständlich zum Leben dazu. In Foren haben Leute geschrieben, dass sich durch Freeletics ihr ganzes Leben verändert hat. Das klingt überzogen, aber ich weiß, dass da etwas dran ist. Ab einem gewissen Punkt bist Du Dir sicher, dass Du den Scheiß bis zum Ende durchziehen wirst. Na klar, wenn vor jedem Workout Furcht zu spüren ist, wenn ein Gefühl von Ungewissheit die letzten Sekunden vor dem Start dominiert, wenn Du schon beim Aufwärmen denkst, dass Du heute keine gute Zeit abliefern wirst, dann hört sich das nach unnötigem Druck und selbst gemachtem Leid an. Ja, das mag sein. Ja, es ist unangenehm. Und dennoch wirst Du den Knopf an der Stoppuhr drücken und anfangen. Und dann geschehen Dinge in Deinem Kopf, die Dich auf Dauer stärker machen. Du überlegst Dir eine Taktik, Du setzt Dir Zwischenziele, Du entscheidest, ob Du zur Uhr schaust oder nicht. Du weißt selbst, mit welchen Gedanken Du da jetzt am besten durch kommst, denn wenn es Klick gemacht hat, lässt Du Dir selbst keine andere Wahl. Wie oft habe ich gedacht, dass ich nach dem 30. Burpee absetzen muss. Und wie oft habe ich dann doch mehr gemacht. Doch manchmal ging es nicht. Auch bei Freeletics entscheidet die Tagesform, das musst Du hinnehmen. Aber wenn der Einstieg erstmal geschafft ist und der Muskelkater zumindest erträglich wird, dann wirst Du Erfolge spüren. Dann gibt es plötzlich keine Ausreden mehr. Du willst dran bleiben. Du integrierst diese Sportart in Deinen Alltag. Regen, Kälte, frühe Uhrzeiten – alles egal. Du fängst an, Dich besser zu ernähren, ganz von allein. Du gehst selbstbewusster durchs Leben, fühlst Dich besser, wirst zum Athleten. Während dieser Zeilen komme ich mir wie ein alberner Life-Coach vor, der vor Leuten auf der Bühne steht und viel zu euphorisch gestikuliert. Yes you can! Wenn Du alles gegeben hast und dieses gute Gefühl unter der Dusche spürst, dann wirst Du wissen, was ich meine. Wenn Du Deine Komfortzone immer wieder verlässt, veränderst Du Dein Mindset und schraubst Deine Lebensqualität nach oben. All die Probleme des Alltags sind plötzlich lächerlich, denn wenn Du diesen Plan durchziehen kannst, dann kannst Du noch viel mehr. Dazu brauchst Du nur das Klicken im Kopf.

Und unabhängig davon, dass Du natürlich auch vor dem Spiegel eine bessere Version Deiner selbst wirst, möchte ich mit diesem Text schlichtweg zum Ausdruck bringen, dass das eigene Selbstwertgefühl extrem steigt, wenn bloße Willenskraft zum Überspringen einer Hürde führt, die Dir vor wenigen Monaten noch viel zu hoch erschien. Freeletics ist doch bloß ein Beispiel. Es geht hier doch gar nicht um Muskeln. Es geht um Deinen Kopf. Der Glaube an Dich selbst entscheidet darüber, was möglich ist und was nicht. Er entscheidet über alles! So ähnlich hat es Arnold Schwarzenegger gesagt:

„The mind is the limit. As long as the mind can envision the fact that you can do something, you can do it, as long as you really believe 100 percent.“

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