Zurückticken gildet nicht!

„Wir hatten früher keine Smileys – wir mussten selber lachen.“ Als ich diesen Satz las, dachte ich darüber nach, wie sehr sich die Welt in den letzten Jahren verändert und weiterentwickelt hat. Bei der Masse an Input kann schon mal das Gefühl entstehen, man würde nicht richtig mitkommen. Es passieren so viele Dinge im Hier & Jetzt, die einen in ihrer Gesamtheit ganz schön erschlagen. Wahrscheinlich passiert in Wirklichkeit zwar gar nicht so viel mehr als damals, aber durch die Technik und die sozialen Medien wird einem eben viel zur Verfügung gestellt. Über den ganzen Internetkram habe ich ja bereits einen Beitrag verfasst.

Wir hatten früher also keine Smileys, kein Snapchat, kein Netflix und so weiter. Nichts war „awesome“ oder „weird“. Immer sonntags wurden Oma und Opa angerufen und wenn man artig war, gab’s am nächsten Kiosk vielleicht eine bunte Tüte, Esspapier oder ein Bum-Bum-Eis mit Kaugummi im Stiel. Das wurde aber nur sieben Minuten gekaut, weil der Geschmack dann raus war. Egal. Danach wurde vielleicht noch mit den essbaren Perlen einer Halskette um sich geschossen. Immer schön auf auf Menschen, klar. Was haben wir sonst noch so gemacht, weil wir nicht dauernd vorm Handy hingen? Was ist charakteristisch für die 90er? Ich habe mir Zettel und Stift genommen und versucht, Dinge aufzuschreiben, die wohl die meisten Personen in meinem Alter mit Kindheit und Jugend verbinden. Da geht’s nur um Kleinigkeiten, die total unwichtig sind. Aber im Kontrast zu den täglichen Trump-News hat es Spaß gemacht, darüber nachzudenken. Und wenn der Leser gleich merkt: „Aaah stimmt, hab‘ ich früher auch gemacht“, dann habe ich mein Ziel erreicht. Dieser Text ist zum Wiederfinden gedacht. Meine „Best-Of-Nineties“ habe ich in verschiedene Bereiche aufgeteilt.

Zu „Essen & Trinken“ hatte ich spontan die meisten Einfälle. Wer kein Bum-Bum-Eis mochte, hat entweder einen Fruchtzwerg mit einem Teelöffel in die Gefriertruhe gestellt oder zum Evergreen Calippo Cola gegriffen. Den festen Eisbrocken erst ewig mit irgendwann schmerzenden Handflächen beweglich machen und am Ende freuen, wenn der flüssige Rest getrunken werden kann. Außerdem hat bestimmt jeder Zweite früher versucht, eine ausgetrunkene Capri-Sonne (Sorte egal) so anzusaugen, dass sie mit dem Strohhalm frei an der Zunge baumeln konnte. Tolles Kunststück. Ging übrigens auch mit den Muschelnudeln des Hühner-Nudel-Eintopfs ganz gut, die klebten auch. Zum Durstlöschen wurde Eistee selbst gemacht. Und zwar mit diesen überkünstlichen Kügelchen, die sich in Wasser auflösten. Wenn keiner geguckt hat, wurden die auch mal einfach so gegessen. Dann gab’s noch „Ringli’s“, wer kennt die noch? Ringförmige Chips, die man sich über die Finger stecken konnte – und musste! Die Aufgabe war erst erfüllt, wenn alle zehn Finger bestückt waren. Dann ganz wichtig: Die beringten Finger langsam und möglichst gruselig (mit entsprechenden Geräuschen) auf die Person zubewegen, die neben einem sitzt. Außerdem: Zwei oder drei unendlich süße Hubba-Bubba-Kaugummis in den Mund stopfen, damit man immer größere Blasen machen konnte. Am Ende zerplatzte der Scheiß dann auf der eigenen Nase, aber alle lachten. Zwischendurch dann vielleicht noch schnell ein PEZ-Drops aus einer dieser Plastikfiguren, denen man den Kopf nach hinten biegen musste, um fündig zu werden.

Auf dem Weg zur Schule war es selbstverständlich, mit dem Fahrrad sämtlichen Stöcken, Blättern, Eicheln oder Unebenheiten auszuweichen. Die Linien der Betonplatten auf den alten Gehwegen durften natürlich nicht betreten werden und wehe der Stein, den man zu Fuß vor sich herschoss, verließ den Gehweg. Alternative zum geschossenen Stein: Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran… Viele hatten einen Walkman dabei, der eigentlich in keine Hosentasche passte. Zum Glück konnten fast kaputte Mixtapes noch gerettet werden, indem man die Rädchen mit zwei Fingern drehte und das Band so wieder spannte.
Nachdem der Tafeldienst vor der ersten Stunde erledigt war, wurde aus dem gewöhnlich in den Kniekehlen hängenden Eastpak mit Lederboden das aktuell herumgehende Freundschaftsbuch geholt und zurückgegeben. „Lieblingstier: Hund. Hobbys: Fußball, Freunde treffen. Was ich nicht mag: Sauerkraut, Zimmer aufräumen, lernen.“ Federmappen waren irgendwann out, Schlamperrollen voll im Trend. „Killern“ durfte man eigentlich nicht, machte man aber in dem Glauben, dass es nicht auffallen würde, trotzdem. WhatsApp gab es damals in Form von geheimen Zetteln, die fast nie ungelesen beim eigentlichen Empfänger ankamen. Und beim Sportunterricht hatte immer mindestens ein Trottel seinen Turnbeutel auf dem Gepäckträger vergessen. Alle anderen schafften es nicht, ihren Puls bei „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ niedrig zu halten und in Kunst stimmte beim Tuschen nie das Verhältnis zwischen Farbe, Wasser und Deckweiß. Ja, wir hatten es nicht leicht. Aber in den Pausen ging’s ab – die unteren Klassen spielten 1-2-3-König oder Kriegen. Das direkte Zurückticken war dabei selbstverständlich nicht erlaubt. Hallo? Irgendwo hört’s auf. Fest stand auch, dass die Weglaufenden nur im „Lu“ oder „Clippo“ sicher waren. Dann gab’s noch die Freaks, die Magic- und Pokémonkarten tauschten oder diese kleinen Gogo’s über den Boden würfelten. Wenn einer von denen mal auf dem Kopf liegenblieb und man dadurch die meisten Punkte bekam, war das das absolute Highlight. Manchen werden Chupa Caps vielleicht noch ein Begriff sein. Falls nicht, hatten diejenigen eben ein Yoyo mit Freilauffunktion in der Tasche. Cool. Für Mädels gab’s die Zeitschrift „Mädchen“ und unendlich viele Didl-Blätter. Einige hatten sogar einen eigenen Duft, kaum zu fassen.
   

Technik. In den 90ern ging der ganze Kram ja gerade erst los. Die Verbindung mit dem Internet war ein echter Erfolg. Und das Geräusch des Modems konnten wir doch alle imitieren. Handy’s gab’s für uns noch nicht. Daher war es immer etwas Besonderes, sich kurz das Nokia 3310 eines Erwachsenen zu nehmen und Snake zu spielen. Noch besser war Snake 2, weil da durch die Wand gelaufen werden konnte. Das Handy am Ende einfach unbemerkt wieder zurücklegen, merkte keiner – Akku hielt eh ’ne Woche. Ein Tamagotchi war Pflicht. Füttern, Spielen, Licht ausmachen. Am besten baumelte es gut sichtbar an einer Gürtelschlaufe. Swag! Ansonsten waren natürlich alle Geräte von Nintendo ganz weit vorne.

Bunte Zeiten waren das, würde ich mal sagen. Es wurden Höhlen gebaut, Schnecken gehalten, Kastanienmännchen gebastelt, Grashalme zum Pfeifen zwischen beide Daumen geklemmt, Peinlichkeiten bei „Tat oder Wahrheit“ hervorgerufen, Dr. Sommer-Seiten und Fotolovestories durchgeblättert und Alcopops getrunken. Wenn ich heute nochmal Flaschendrehen spielen müsste, dann würde ich sagen: „Auf wen die Flasche zeigt, der muss einen Tag lang diese Hose von Adidas mit den Knöpfen an den Seiten zur Arbeit anziehen – und die untersten drei Knöpfe bleiben auf!“ Und dann würde ich mich mit irgendjemandem zum Spielen verabreden. Von drei bis sechs.

Ein Kommentar zu „Zurückticken gildet nicht!

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  1. Schon erstaunlich, wie präsent die Kindheit bei diesem Blogger noch ist. Offensichtlich haben ihm viele Dinge gefallen, nicht zuletzt weil die gemeinhin ‚doofen‘ Eltern ihm vielleicht doch nicht alles vermiest haben. Ich glaube, sie würden auch heute noch ’ne Capri-Sonne für ihren Sonnenschein (!?) rausrücken. Eine Anfrage wäre es wert….

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