Jochen

Sehr geehrte Damen und Herren, darf ich vorstellen: Das ist Jochen. Jochen ist inzwischen Mitte 30 und zu dick. Nicht, dass das schlimm wäre, aber er könnte leicht etwas daran ändern, wenn er bloß nicht so schwer wäre. Er wohnt in dem viel zu klein gewordenen Kinderzimmer in der Wohnung seiner Mutter, was ihn kaum stört. Immerhin muss er sich so nicht um die Wäsche und das Mittagessen kümmern. Ansonsten ist Jochen clever genug, um zu wissen, dass er nicht besonders clever ist. Und er ist ein Meister darin, immer wieder in tollpatschige Alltagssituationen zu geraten, mit denen fast jeder schon mal Bekanntschaft gemacht hat. Nur hätte Jochen sie zu 99% im Nachhinein souveräner lösen können. In einem Film wäre er genau der Charakter, den man aus Mitleid sympathisch findet. Vielleicht, weil er theoretisch keiner Fliege etwas zuleide tun könnte. Auch praktisch nicht, denn er würde sie nicht erwischen.   

Der Wecker klingelt an diesem Morgen um 07 Uhr, als Jochen noch nicht weiß, dass er heute in besonders viele dieser Situationen kommen wird. Er hat zwei Erledigungen auf dem Zettel: Inspektion und Lifecoaching-Seminar. Zuerst muss er zur Inspektion in die Werkstatt. In Wirklichkeit muss er zum Allgemeinmediziner – er nennt es bloß immer Inspektion, weil er glaubt, damit lustig zu sein. So ist er eben. Eine Blutabnahme heißt bei ihm Ölwechsel. Das hatte sein Lieblingslehrer früher in der achten Klasse immer gesagt. Jochen war schon damals der Turnbeutelvergesser, dem immer jemand beim Aufpulen eines ultrafesten Doppelknotens in den Schnürsenkeln helfen musste. Heute hat er einen Hund, der Katze heißt. Naja.

Im Gedränge des Bahnsteigs ahnt er nichts Böses, als sein Handy plötzlich in der Hosentasche vibriert und ihm dadurch ein Furz rausrutscht, den nicht nur er gehört haben wird. Jetzt bloß locker bleiben. Zum Selbstschutz hustet er instinktiv einmal laut und schabt künstlich mit der Schuhsohle über den Asphalt – als wäre das Furzgeräusch dadurch entstanden. Dann erkennt er im Augenwinkel eine Bekannte, die er seit einer Ewigkeit nicht gesehen hatte. Aber anstatt sie zu grüßen, wie jeder normale Mensch, spricht Jochen viel zu laut und möglichst cool in sein Handy, das er mittlerweile am Ohr hält. Er gehört zu den Leuten, die beim Telefonieren alles um sich herum vergessen und problemlos ein ganzes Abteil unterhalten können. Von der Zugfahrt bekommt er nach dem Telefonat rein gar nichts mit, da er tief in Gedanken ist und dabei bestimmt dämlich aus dem Fenster guckt. Irgendwann erkennt er verwundert sein eigenes Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelt. Als ein etwa gleichaltriger Mann deutlich macht, am nächsten Bahnhof aussteigen zu wollen und sich deshalb an ihm vorbeidrängen zu müssen, bringt Jochen das Kunststück fertig, dem Mann viermal in die jeweils gleiche Richtung auszuweichen. Rechts, links, rechts, links. Hupsa, tut mir Leid. Ups, uaahhh, sorry. So, jetzt aber – gehts? Schönen Tag noch.

Im vollbesetzten Wartezimmer des Arztes sitzt Jochen einer Frau gegenüber, die ihn in ein oberflächliches Gespräch über private Krankenversicherungen verwickelt und dabei ein wahnsinniges Dekolleté präsentiert. Damit ist Jochen komplett überfordert. Ohne auch nur ein einziges Mal tatsächlich hinzugucken, schaut er gedanklich durchgängig hin. Und obwohl er der Frau permanent in die Augen sieht, schafft er es nicht, dem Gespräch auch nur ansatzweise zu folgen. Das Leben ist so unfair, denkt Jochen, und zieht eine Tüte Chips aus seinem Rucksack. Doch anstatt die Tüte mit einem einmaligen Geräusch einfach aufzureißen, versucht er sie so langsam wie möglich zu öffnen, um niemanden zu stören. Tatsächlich stört er mit dem Geknister jeden Einzelnen. Das merkt auch er irgendwann, nur leider sehr spät. Als er kurz darauf ins Behandlungszimmer gerufen wird, kassiert er einen irritierten Blick vom Arzt, weil er den Händedruck bei der Begrüßung unerklärlich lange aufrecht hält. Komischer Tag heute. Im Verlauf der Behandlung weist der Arzt darauf hin, dass man Jochen röntgen müsse. „Ok, wenn Sie soweit sind – hier kommen dann gleich Ihre Hoden rein“, sagt eine nicht unattraktive Arzthelferin mit einem winzigen Lächeln und überreicht ihm eine sogenannte Hodenkapsel. Das war das erste Mal, dass Jochen mit einer Frau über seinen Genitalbereich gesprochen hatte. So fühlte es sich für ihn jedenfalls an. Wirklich gesprochen hatten sie darüber ja nicht. Ihm fiel die Frau aus dem Wartezimmer wieder ein. Lieber nicht dran denken. „Herr Arzt, ich bin fertig“, ruft Jochen aus der Röntgenschleuse und fragt sich, ob er wirklich gerade „Herr Arzt“ gesagt hatte. Der Arzt muss grinsen und sagt sarkastisch: „Alles klar, Herr Jochen.“

Etwas abgehetzt und weiterhin überhaupt nicht abgeklärt kommt Jochen am Nachmittag als letzter zum ersten Termin eines Coaching-Kurses mit dem Titel „Leben leben“. Die Teilnehmer sitzen in einem großen Stuhlkreis, es herrscht eine etwas angespannte Atmosphäre. Natürlich muss sein Magen ausgerechnet jetzt so laut und regelmäßig knurren, dass er von jedem anderen Teilnehmer gemustert wird. Im Folgenden sollen sich alle der Reihe nach vorstellen. Jochen kennt dieses Gefühl. Er ist für solche Situationen einfach nicht gemacht. Je weiter die Vorstellungsrunde voranschreitet, desto mehr geht sein Puls in die Höhe. Und als er dann an der Reihe ist, erwischt er sich beim Beginnen irgendwelcher Sätze, von denen er das Ende nicht mal selbst kennt. Manchmal sagt er ein paar Worte und muss sich währenddessen überlegen, was fehlt, um die Kurve noch zu kriegen. Erst danach wird ihm seine eigene Anspannung besonders bewusst, weil er sich von seinen Vorrednern scheinbar nicht einen einzigen Namen hatte merken können. Chronologisch schaut er sich die Personen nochmal an, als eine Frau seinen Blick eher zufällig erwidert. Jochen weicht sofort erschrocken aus, schaut nach ein paar Sekunden aber nochmal hin. Gleiches denkt sich die Frau wohl auch – wieder treffen sich die Blicke, was beiden noch unangenehmer ist als beim ersten Mal. Während sich Jochen die Frage stellt, warum manche Menschen so abgezockt flirten können, ist er sich sicher, dass er für die Dauer des Seminars keinen Blick mehr in ihre Richtung wagen wird. Um sich selbst abzulenken, nimmt er aus seiner mitgebrachten Flasche Coke Zero einen schnellen Schluck, den er sofort bereut. Schluckauf. Hätte man verhindern können. Das Seminar verläuft ansonsten weitaus unspektakulärer als man es hätte vermuten können. Und so fährt Jochen schließlich etwas geknickt zurück nach Hause. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Wohnung tritt er in die Hundescheiße seiner Katze. Darüber kann er herzhaft lachen. Heute ist heute und morgen ist gestern heute, murmelt er leise vor sich hin, als am Ende des Tages Zahnpasta aus seinem Mundwinkel läuft und sicher den Weg auf sein dunkles T-Shirt findet.

          

Ein Kommentar zu „Jochen

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  1. Ich halte ja nicht soviel von permanenter Lobhudelei KOMMA ABER

    1) ist Jochen echt großartig und vor allem

    2) ist die Formulierung „…tritt er in die Hundescheiße seiner Katze.“ geradezu preisverdächtig!

    Es sind eben die ganz einfachen Formulierungen, die etwas lesenswert machen!

    5 von 5 Punkte!:daumenhoch:

    Gefällt 1 Person

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