Der Blick von oben

Eigentlich fand ich die „Neon“ immer gut, doch gelesen habe ich sie zuletzt nur selten. Noch läuft das Abo, das ich vor Jahren abgeschlossen habe. Aber mit der Juli-Ausgabe soll die Ära des jungen Sterns enden. Schlechte Verkaufszahlen und vielleicht etwas Ideenmangel, denn die Themen in den Bereichen Liebe, Wissen und Politik ähnelten sich dann doch. Schluss also mit dem ständigen Hinterfragen und der nie endenden Selbstoptimierung für die 20-30-jährigen Unentschlossenen. Zukünftig soll es nur noch die Web-Präsenz der Neon geben, keine Zeitschrift mehr. Bei treuen Lesern wie mir kommt es ein wenig so an, als wenn Chefredakteurin Ruth Fend sagen möchte, dass sie uns nun genug Ratschläge gegeben hat. Wir sollen jetzt allein klarkommen. Für Neulinge schade – für mich eine Botschaft, die schon gelandet ist, bevor sie überhaupt gesendet wurde. Denn unwissend vom Ende der Zeitschrift, hätte ich sie wohl ohnehin bald gekündigt. Weil sich die Dinge verändert haben.

Die Neon gibt es seit 2003. Sie ging an den Start, als die Digitalisierung so richtig an Fahrt aufnahm. Junge Menschen hatten nach dem Abi viel mehr Möglichkeiten als zehn Jahre zuvor. Da passt eine solche Zeitschrift natürlich perfekt. Bin ich gut, so wie ich bin? Ist meine Beziehung noch zu retten? Darf man das? Fragen, die gern beantworten werden würden. Aber wie kann einem eine Zeitschrift wirklich eine Antwort geben? Wer man ist und was man will – das sollte schon von allein erkannt und gelebt werden. Seit Beginn der Digitalisierung steigerten sich die Möglichkeiten bis heute so weit, dass es jetzt nichts mehr gibt, was ein Abiturient nicht versuchen könnte. Es gibt vor allem keinen Ort, an dem er es heute nicht versuchen könnte. Mittlerweile ist es keine Besonderheit mehr, wenn ein Bekannter plötzlich am anderen Ende der Welt ist. Sicher werden von der Globalisierung viele junge Leute abgeholt, aber ich glaube der Teil, der sich wieder ein Stück mehr Sicherheit und Kontinuität bei weniger Hektik wünscht, wird wieder größer. Und dieser Teil, zu dem auch ich gehöre, braucht die zentralen Fragen der Neon nicht mehr. Das mag eine Erkenntnis des Älterwerdens sein und es hat definitiv etwas mit dem schwindenden Bedürfnis zu tun, die Dinge zu zerdenken. Das nämlich, ist ein sehr großes Problem bei vielen jungen Menschen: Sie sind verunsichert. Anstatt ihr eigenes Ding durchzuziehen und sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Ich kann hierfür aus dem Stegreif noch nicht mal konkrete Beispiele nennen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Möglichkeit, immer alle Möglichkeiten zu haben, möglicherweise manchmal kontraproduktiv ist. Der Mitzwanziger von heute weiß nicht, wo er steht. Kann er vielleicht auch gar nicht wissen. Er wird auf allen Kanälen beeinflusst und muss Schritt halten mit dem Tempo der Welt. Man muss sich nur vorstellen, an wie viele technische Neuerungen wir uns im Job in den nächsten Jahrzehnten noch gewöhnen müssen. Früher wurde vielleicht einmal in fünfzehn Jahren ein neues Abrechnungssystem eingeführt, heute sieht es da schon anders aus. Aber wie das alles sein wird, wenn immer mehr Wissen auf immer mehr Wegen abrufbar ist, ist noch ein anderes Thema. Das wird eine große Herausforderung, auf die ich gar nicht so viel Lust habe. Meinetwegen könnte der Fortschritt an einem gewissen Punkt einfach stoppen. Mir fällt Jim Carrey ein, der in dem Film „Der Ja-Sager“ kurzzeitig ein abenteuerliches Leben führt, weil er alles ausnahmslos abnickt und überall dabei ist. Doch irgendwann erkennt auch er, dass „höher, schneller, weiter“ auf Dauer nicht der richtige Weg sein kann. Ein Neon-Titel lautete mal: „Sag alles ab! Warum wir uns trauen sollten, mehr zu verpassen“ Ein sehr guter Gedanke. Aber allein, dass für eine Absage Mut erforderlich ist, kann nicht richtig sein. Denn so viel Selbstbewusstsein sollte jeder haben.

Unbeschwertheit wird sich nur mit Entschleunigung und Zufriedenheit erreichen lassen. Und mit der Fähigkeit, kleine Schwierigkeiten im Verhältnis zum großen Ganzen zu sehen. Darauf kommt es sogar noch mehr an. Die Kunst des Unbeschwerten liegt darin, Probleme und Gewissensbisse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der nach 2011 gerade zum zweiten Mal für mehrere Monate im Weltall unterwegs ist, hat dazu sinngemäß gesagt, dass er die Probleme mancher Menschen nicht mehr ernst nehmen kann, seitdem er die Welt von oben gesehen hat. In einem Interview schwärmt er, dass er aus dem Raumschiff keine Ländergrenzen sehen kann. Zu akzeptieren, dass sich Menschen auf dem Erdball bekämpfen, falle ihm schwer. Am Ende beschreibt er die Erde sogar als den schönsten Planeten: „Ich dachte, der Weltraum sei ein besonderer Ort. Was ich da oben gelernt habe ist, dass er genau das Gegenteil davon ist: Es gibt zwar viele interessante Objekte dort draußen (…), aber der gigantische Rest des Weltraums ist schwarz, öde und lebensfeindlich. Der wirklich, wirklich besondere Ort darin, das ist unser einzigartiger blauer Heimatplanet.“ 

Also: Hier ist es besser als überall sonst. Macht euer Ding.

2 Kommentare zu „Der Blick von oben

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  1. Du hast es wirklich auf den Punkt gebracht, und es gelingt einem gut in die Sichtweise Deiner Generation zu schlüpfen. Danke für diesen schönen Beitrag, für die passenden Beispiele und die super Zitate, an den richtigen Stellen. Guter Schreibstil, gern lese ich mehr!

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