Zwischen Komfortzone und Tanzfläche

Ich sei älter geworden, sagte mir neulich ein guter Bekannter. Auf die Frage, wie er das denn meinen würde, antwortete er, dass ich heute längst nicht mehr so viel um die Häuser ziehen würde, wie früher. Damit hat er vermutlich Recht. Es gibt viele Tage, an denen ich mir am Nachmittag noch gut vorstellen kann, abends richtig einen draufzumachen. Aber je später es dann wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich es wirklich mache. Das sind dann die Momente, in denen ich „Mal schauen. Ich meld‘ mich nochmal.“ in mein Handy tippe, obwohl ich eigentlich auch „Nein“ schreiben könnte. Ist der Entschluss, nicht mehr loszuziehen, dann einmal gefasst, bringt mich nichts mehr davon ab. Jeder kennt diese Kumpels, die dann grinsend nach guten Argumenten suchen, um einen umzustimmen. „Trink‘ doch erstmal ’n Bier“ oder „Du willst das doch eigentlich auch“ lauten die häufigsten Sätze. Am besten piksen sie einem dabei noch mit ihren Zeigefingern in den Bauch und warten auf ein Lachen. Nein. Ich will das nicht. Ich will weder ein Bier trinken noch umgestimmt werden. Aber warum eigentlich nicht? Ich komme mir selbst stur vor, wenn ich mich so verhalte. Und dennoch ändere ich es dann nicht.

Das Älterwerden oder Ruhigerwerden passiert bei fast allen Menschen – völlig logisch. Mit Anfang 20 befindet man sich für gewöhnlich noch nicht in jenem Arbeitsverhältnis, in dem man später sein wird. Man studiert irgendwo, man studiert irgendwas. Man weiß aber auch, dass das, was man da gerade macht, nicht die Endstation sein wird. Es handelt sich eher um einen Abschnitt, in dem man mit dem Begriff „Alltag“ nichts zu tun haben möchte. Dafür ist es zu früh. Routine und Regelmäßigkeit wird es später noch genug geben. Und als Student kommt es einfach nicht so darauf an. Auf den nächsten Tag zum Beispiel. Auf Pünktlichkeit und Zeitmanagement. Oder auf Zuverlässigkeit. Wenn man 30 Minuten zu spät zu einer Vorlesung kommt, dann wird man nicht mal schief angeguckt. Wenn man allerdings grundlos 30 Minuten zu spät zur Arbeit kommt, dann verhält es sich etwas anders. Ich trinke seit einiger Zeit deutlich weniger Alkohol als mit Anfang 20. Hauptsächlich wohl, weil ich weiß, wie ich mich am nächsten Tag fühle. Mir ist die freie Zeit neben meinem 40-Stunden-Job einfach zu wertvoll. Diese Zeit möchte ich genießen und nicht darauf warten, dass der Schwindel aufhört und ich um 14:30 Uhr endlich mal den ersten Happen hinunter bekomme. Es ist einfach angenehmer am Samstagmorgen entspannt aufzuwachen. Ohne Wummern im Kopf. Allerdings – und das nervt – hat man dann auch nichts erlebt. Sich gegen eine Party und für das eigene Sofa zu entscheiden bedeutet, in seiner Komfortzone zu bleiben. Alles schön und gut. Nur passieren die tollsten Sachen meist nur dann, wenn man eben diese Zone verlässt. Oder gibt es da einen Kompromiss?

Ich habe es getestet. In einem Schuppen, der nicht als Kinderdisco gilt und in dem ich immer gern gewesen bin, habe ich den Partyzirkus einfach mal nüchtern mitgemacht. Klingt so, als wäre mein Alkoholverzicht etwas Besonderes. Und so ist es auch, denn um ehrlich zu sein – normalerweise erlebt man die besten, witzigsten und aufregendsten Partynächte nicht nüchtern. Jeder weiß doch, wie viel Spaß es macht, morgens um halb 4 auf der Tanzfläche zu stehen und sich unsterblich zu fühlen. In diesen Momenten geht alles. Man könnte ewig weiter tanzen. Man achtet nicht mehr darauf, wie bescheuert man aussieht. Man schwitzt stark, aber es ist einem egal. Die Frage ist nur: Was passiert, wenn man einen Fuß aus der Komfortzone setzt, ohne völlig über die Stränge zu schlagen? Am Anfang macht es Spaß. Man sitzt am frühen Abend irgendwo zusammen und quatscht. Dass man als einziger nur Apfelschorle trinkt, stört kaum. In der Disco angekommen freut man sich, dass man die Dinge viel klarer sieht. Man hat die totale Kontrolle und nimmt viel mehr Kleinigkeiten wahr, als wenn man jetzt schon ordentlich angetrunken wäre. Weil einer der Kumpels sofort zur Bar rennt, um bloß weiter trinken zu können, bekommt man schnell die erste Cola und steht nun am Rand der Tanzfläche. In einer Hand das Glas, die andere Hand locker in der Hosentasche. Und dann passiert etwas, was unter Alkoholeinfluss vermutlich nicht passieren würde. Man sieht genauer hin. Man hinterfragt. Was ist das für ein Ort? Was passiert hier eigentlich? Es ist laut, viel zu laut. Aber weil man nicht einfach wortlos nebeneinander stehen möchte, schreit man seinem Nebenmann hin und wieder irgendetwas Unwichtiges ins Ohr. Die Luft ist stickig und die Tanzfläche ist zur Prime-Time total überfüllt. Und was mir an diesem Abend am deutlichsten auffällt – es laufen unheimlich viele schräge Menschen umher. Alles wirkt so stumpf. Hauptsache saufen. Viele Männer scannen betrunken die Tanzfläche, in der Hoffnung ein One- Night-Stand mit nach Hause nehmen zu können. Sowieso geht es in Discos viel ums Abchecken anderer Leute. Ein Großteil der Frauen brezelt sich so sehr auf, dass sie in meinen Augen nicht mehr attraktiv sind. Sie suchen Bestätigung, wollen die Blicke auf sich ziehen. Das ist ein Ego-Ding. Wenn sie aber angesprochen werden, lassen sie den jeweiligen Kerl kühl abblitzen. Vereinzelt gibt’s aber doch Lichtblicke. Eine Frauengruppe zum Beispiel, die normal und sympathisch wirkt. Das Ansprechen ist aufgrund der Lautstärke aber sinnlos. Und so stehe ich da und sehe mir das ganze Spektakel an. Es vergeht nicht viel Zeit, bis ich zu dem Entschluss komme, dass ich hier weg muss. Das ist einfach nicht meine Welt. Ich verabschiede mich von meinen Leuten, die fragend auf ihre Uhren gucken. „Jetzt schon?“ Ja, jetzt schon.

Auf dem Weg nach Hause versuche ich das Fiepsen auf den Ohren zu ignorieren und denke nach. Ich frage mich, woher die Abneigung gegen Discotheken plötzlich kommt. Denn es ist ja nicht so, als hätte ich noch nie im Leben großen Spaß in solchen Läden gehabt. Ich weiß genau wie es ist, sich nach einer durchzechten Nacht mit Kumpels über das Erlebte zu unterhalten. Es passieren viele lustige Dinge in solchen Nächten. Aber die Komfortzone ist auch schön. Und außerdem gibt es unzählige weitere Möglichkeiten, sie zu verlassen. Das Überwinden, am Abend noch los zu gehen, ist ja nur ein klitzekleines Beispiel. Aber im Bezug darauf ist es wohl so, wie mein Kumpel sagt. Vielleicht bin ich einfach älter geworden.

Ein Kommentar zu „Zwischen Komfortzone und Tanzfläche

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  1. Ist es schlimm, wenn man vernünftiger wird und gesünder lebt? Der Kick fehlt dann zwar, aber das allgemeine Wohlbefinden hält erstaunlich lange an, jedenfalls solange man keine anderen ‚Gebrechen‘ hat. Hier spricht einer aus Erfahrung …

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