Das Leben ist ein Pokerspiel

Unter dem Menüpunkt „Über mich“ habe ich auf diesem Blog geschrieben, dass mir im Alltag manchmal Dinge passieren, die mich erst zum Nachdenken und dann zum Schreiben anregen. Nicht immer lässt sich aus einem Gedanken ein Text bauen, diesmal vielleicht schon. Auch auf die Gefahr hin, dass es etwas komisch wirken könnte, hier ein gediegenes Gedicht von Wilhelm Busch zu zitieren, muss ich es dennoch als Einstieg nutzen. Ja, ich weiß. Ach er nun wieder. Aber es steckt viel Wahrheit in diesen Zeilen.

Mein Kind, es sind allhier die Dinge,

Gleichwohl, ob große, ob geringe,

Im wesentlichen so verpackt,

Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.

Wie wolltest du dich unterwinden,

Kurzweg die Menschen zu ergründen.

Du kennst sie nur von außenwärts.

Du siehst die Weste, nicht das Herz.

Ja, ich weiß. Ach ich nun wieder… 😉 Gedichte triefen immer so. Sie sind so schwermütig. Sorry. Diese Schwermütigkeit möchte ich in diesen Text nicht übernehmen. Ich will es auch gar nicht Wort für Wort auseinandernehmen. Aber es gibt einen Denkanstoß – es ist die Message, um die es geht. Das Gedicht heißt „Schein und Sein“, passender Titel. Der Gedanke, der mir nach dem Lesen kam, ist der, dass wir uns im Leben ganz schön oft blenden lassen. Oder eher, dass man uns immer wieder zu blenden versucht. In fast allen Lebensbereichen. Das lässt sich kaum beeinflussen. Oder doch?

Genau beantworten kann ich diese Frage natürlich auch nicht, aber es ist doch so, dass wir bei jeglichen Wahrnehmungen unseren Sinnen unterlegen sind. Wir sehen etwas, hören etwas, fühlen etwas, schmecken etwas, riechen etwas. Jeder Sinn zieht eine Empfindung nach sich, er löst ein Gefühl aus. Dieses Gefühl gilt es dann innerhalb kurzer Zeit von uns einzuordnen. Finden wir unsere Wahrnehmung gut? Wenn ja, warum finden wir sie gut? Möchten wir das, was wir sehen, auch haben? Möchten wir so, wie jemand ist, auch sein? Obwohl wir nur die Weste sehen und nicht das Herz? Warum nicht einfach der bleiben, der man ist? Wer sagt uns, dass der scheinbar so erfolgreiche Typ, den wir sehen, auch tatsächlich glücklich ist? Erfolg ist nicht immer ein Indikator für Glück. Nun beneide ich nicht jeden erfolgreichen Menschen maßlos, aber hin und wieder ertappe ich mich schon dabei, zu jemandem aufzusehen, ohne ihn näher zu kennen. Vermutlich sollte ich mir hier und da mehr Zeit zum Einordnen geben, mehr hinterfragen. Und dann nur das mitnehmen, was ich auch wirklich mitnehmen möchte. Desinteresse ist nicht ausnahmslos negativ – ich muss nicht auf jeden der unendlich vielen coolen Hipsterzüge aufspringen.

Zuletzt habe ich vermehrt darauf geachtet, wie sehr vor unseren Augen vieles ins perfekte Licht gerückt wird. Eigentlich trägt alles und jeder ’ne Maske und unser Ziel muss sein, da hindurchzusehen. Zumindest dann, wenn wir uns wirklich ein Urteil bilden wollen. Sei es bei der sekundengenau getimten Werbung im TV, dem durchgestylten Date von nächster Woche, dem ach so freundlichen Versicherungsvertreter, der in Wahrheit nur verkaufen möchte, oder dem örtlichen Straftäter, der’s natürlich nie gewesen ist. Was, ich? Ja, Du!

Hat sich schon mal jemand gefragt, warum Lukas Podolski so viel Anerkennung genießt? Weil er sich erstens auf dem Platz immer zu 100% reingehängt hat und weil er zweitens authentisch ist. Er hat keine Maske auf, das macht ihn sympathisch. Er freut sich, ärgert sich, sagt was er denkt. Vielleicht ist Podolski nicht der intelligenteste Fußballer der Welt, aber er ist echt, er schlüpft nicht in eine andere Rolle. Vielleicht ist das mehr wert. Hand aufs Herz: Bei welchem Interview hört man lieber zu – bei dem von Podolski oder bei dem von „Mr. Sachlich“ Jogi Löw?
Doch Poldi ist da leider eher eine Ausnahme. Längst nicht alle sind so authentisch. Viele geben vor, ein Anderer zu sein. Unsicher bin ich mir zum Beispiel bei Donald Trump. Was ist eigentlich mit dem? Schlüpft der vor einer Sendung in seine patriotische Rolle, weil die Amerikaner das so lieben oder schaut er schon morgens in den Spiegel und sagt: „I will make America great again“? Schwierig. Viele wussten es bis zum Tag seiner Ernennung nicht, doch dann machte er tatsächlich viele seiner Ankündigungen wahr. Um ehrlich zu sein – ich kann sein ganzes Getue noch immer nicht einschätzen. Das allgemeine Problem ist, dass wir in niemanden hineingucken können. Wir können uns bei keinem Menschen sicher sein, wie es in seinem Inneren wirklich aussieht. Bei keinem. Und wir können auch bei keinem wissen, was er denkt, wenn er uns den Rücken zudreht. Wenn er allein ist, ohne Maske. Allein ist jeder am ehrlichsten, zumindest zu sich selbst.

Es gibt übrigens einen passenden Spruch zum Thema Authentizität in Sachen Partnerschaft:

Man verändert sich im Laufe einer Beziehung nicht – man lügt nur nicht mehr so gut.

Ist es nicht so? Prinz Pi haut in die gleiche Kerbe: „Es fängt jedes Mal an mit „Hast Du Lust, etwas zusammen zu machen?“ und am Ende packt einer seine Sachen“. Beim Kennenlernen wird schnell ein Gefühl dafür entwickelt, was der Andere mögen könnte. Dann verhalten wir uns eine gewisse Zeit so, wir möchten ja gefallen. Und dann? Dann kommt mehr und mehr ans Licht, wie wir wirklich sind. Und dass es vielleicht nicht ganz so gut passt, wie einst gedacht. Oder eben gar nicht. Und am Ende packt einer seine Sachen. Einer verliert, aber wer ist wer? Wer hat wirklich was auf der Hand? Vergleicht man das Leben tatsächlich mit einem Pokerspiel, dann wird ganz schön viel geblufft da draußen.

2 Kommentare zu „Das Leben ist ein Pokerspiel

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  1. Schon erstaunlich, was da zutage tritt, wenn Returnbrett mal seine YOLO-Maske ablegt. Tiefgründiges kommt zum Vorschein, sicherlich gepaart mit einer Prise Selbstkritik. Ob er jetzt wieder eine zeitlang hinter der Maske verschwindet??

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