An die Bundesregierung

Hallo Deutschland,

hier schreibt Erik. Ich gehe in die 7. Klasse der Albert-Schweitzer-Schule in Hamburg, genauer gesagt in die 7b. Im Politikunterricht sprechen wir gerade über viele verschiedene Länder. Wir versuchen herauszufinden, was wir von ihnen wissen und was nicht. Dann überlegen wir, wie wir die Länder so finden. Mein Lehrer, Herr Wagner, hat uns die Aufgabe gegeben, einen Brief an unser Heimatland zu schreiben. So richtig eingegrenzt hat er das nicht. Wir sollen das Land so behandeln, als wäre es ein Mensch mit persönlichen Eigenschaften. Die Briefe werden dann wirklich an die Bundesregierung abgeschickt. Bisschen bescheuert, was sollen die mit so vielen Briefen? Egal, zur Einleitung reicht das. Ich fange jetzt an.


Hallo Deutschland (nochmal),

wie geht es Dir? Ich wollte mich mal wieder bei Dir melden. Mir geht’s ganz ok. Es ist jetzt 09:55 Uhr und ich sitze auf meinem Platz am Fenster. Mir ist ein wenig kalt. Links neben mir sitzt Anna Wolf, rechts neben mir sitzt Jalil. Er kommt aus Syrien. Anna sieht meistens echt gut aus.

Deutschland, erstmal muss ich sagen, dass es bei Dir meistens nicht besonders gemütlich ist. Aber damit meine ich nur das Wetter. Der März ist vielleicht nicht Dein bester Monat, wobei Du Dir Ende Februar noch echt Mühe gegeben hast. Gerade ist es aber wieder bewölkt und ich frage mich, ob ich es noch lange mit Dir aushalte. Wenn ich erwachsen bin, möchte ich vielleicht in einem Land wohnen, in dem öfter die Sonne scheint. Immer wenn ich im Urlaub bin, ist es dort schöner als hier. Ich fahre jedes Jahr mit meiner Schwester und meinen Eltern in den Urlaub. In manchen Ländern herrscht aber das totale Chaos auf den Straßen. Da zählen rote Ampeln irgendwie überhaupt nicht, jeder fährt wie er will. Hier hält mein Vater sogar nachts um 02:00 Uhr an einer roten Ampel. Einmal war ich in Asien. Von Technik verstehen die Asiaten deutlich mehr als Du. Ich habe dort Sachen ausprobiert, die ich hier noch nie gesehen habe. Ich hatte eine Smartbrille auf, mit der ich irgendwie alles wusste. Ich musste gar nicht mehr selber nachdenken, mir wurde alles angezeigt. Ist das die Zukunft?
Ich mag Reisen gerne, aber es ist auch gut, wieder zurückzukommen. Hier bei Dir kann ich nämlich immer viel Fußball spielen. Jeden Mittwoch habe ich Training. Am Wochenende dann ein Heim- oder Auswärtsspiel. Fußball ist ein großes Thema. Aber bei der letzten WM hat Dein Team versagt. Das war große Scheiße. Vielleicht sollte Jogi Löw mal aufhören. Mein Vater ist übrigens Bayernfan, ich Werderfan. Eigentlich geht das nicht, sagen alle. Während der Sportschau trinkt er gerne Bier. Dass Dortmund gerade an der Spitze steht, gefällt ihm überhaupt nicht. Er schreit dann manchmal und trinkt noch ein Bier.

Ich finde es sehr gut, dass wir hier keinen Krieg haben. In anderen Ländern ist das wohl nicht so einfach. Die Lehrer reden manchmal mit uns darüber. Ich verstehe das aber nicht so richtig. Wenn alle freundlich zueinander sind, kann es gar nicht zum Krieg kommen. Wieso schaffen wir das nicht auf der ganzen Welt? Du kriegst das doch auch hin. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass Du Dir das bei Deiner Vergangenheit nicht erlauben kannst (wegen Hitler und so). Vielleicht schaffst Du es aber auch mit Deiner Ordentlichkeit. Ich muss ein sorgfältiges Hausaufgabenheft führen und wenn ich einen Zettel mit nach Hause bekomme, muss meine Mutter oder mein Vater unterschreiben. Als Zeichen dafür, dass der Zettel gesehen wurde. Vielleicht ist das Deine Art, die Dinge zu regeln. Also wenn Leute etwas mit nach Hause nehmen, dann willst Du das wissen. Du willst eh viel wissen. Am liebsten ist es Dir, wenn alles genau aufgeschrieben wird. Steuererklärungen sind anscheinend der Horror. Es kann zwar sein, dass das Aufschreiben Sinn macht, aber irgendwie nervt es auch.
Ich muss mich hier an viele nervige Regeln halten. Zum Beispiel darf ich auf keinen Fall zu spät zum Unterricht kommen. Kippeln und essen ist verboten und wenn ich mit Füller schreibe, darf ich nicht killern. Ansonsten soll hier jeder so viel wie möglich mitarbeiten. Es gibt für alles einen Plan. Diese Woche habe ich Tafeldienst. Wenn die Kreide alle ist, muss ich sofort zum Sekretariat laufen. Einmal habe ich aus Versehen eine Bananenschale ins Altpapier geworfen. Das magst Du nicht. Du willst alles sauber getrennt haben.

Deine Chefin, Frau Merkel, ist eine ganz nette Frau. Sie ist viel unterwegs und versucht, immer in Ruhe alles zu regeln. Sie ist oft im Fernsehen, obwohl es Hübschere gibt. Manchmal trifft sie sich mit dem Boss der Amerikaner. Der soll wirklich komisch sein. Ich kenne den nur aus der einen Szene von „Kevin – Allein in New York“. Da finde ich ihn eigentlich ganz cool. Über Frau Merkel lernen wir, dass Vernunft ihre Stärke ist. Mein Biolehrer fordert aber frischen Wind fürs Land. Dann zwinkert er immer mit dem Auge und sagt, dass er damit nicht nur die erneuerbaren Energien meint. Mittlerweile verstehen wir, was er damit sagen will. Er ist auch für das Tempolimit, über das hier alle reden. Hoffentlich gibts das dann nicht auch für Fahrräder. Ein Datenlimit für Instagram wäre auch heftig.

Ich habe eben kurz auf den Zettel von Jalil geguckt. Ich hätte gedacht, dass er an Syrien schreibt, aber oben über dem Text steht „Sehr geehrter Bundesland“. Sein Deutsch ist noch nicht perfekt, aber er ist erst seit drei Jahren hier. Das mit dem Brief wird er irgendwie schaffen. Es kann sein, dass er Deutschland aus Dankbarkeit zu seinem Heimatland macht. Er hat mal gesagt, dass es schlimm gewesen ist in der richtigen Heimat. Hier findet er es viel besser, auch wenn manche Sachen sehr kompliziert für seine Familie sind. Er hat diesen einen Witz auswendig gelernt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Stück Holz und einer Behörde? Holz arbeitet.“ Ich mag Jalil, aber das tun nicht alle in der Klasse. Der Vater von dem dicken Leon will zum Beispiel, dass man ihm aus dem Weg geht. Das ist ungerecht, denn er hat Jalil noch nie gesehen. Mit Leon verstehe ich mich nicht so gut. Der hat mich letztens so komisch angeguckt und gesagt: „Faust sucht Fresse – Interesse?“. Aber davon darf man sich nicht beeindrucken lassen. Ich hab geantwortet, dass er wie ein Ü-Ei aussieht („außen rund und innen hohl“, aber das habe ich nicht ausgesprochen). Trotzdem habe ich jetzt etwas Angst vor ihm. Sein Vater trägt immer Anzug und Krawatte.

Ok, mein Arm wird langsam schwer. Kennst Du das, wenn sich die Hand beim Schreiben so verkrampft? Bei den ganzen Gesetzen, die Du schon geschrieben hast, müsstest Du wissen, wovon ich rede. Ich hoffe Du bist nicht enttäuscht, dass ich manchmal lieber woanders bin als bei Dir. Insgesamt kriegst Du das doch alles gut hin. Niemand ist perfekt. Die deutschen Schüler haben es bei der letzten PISA-Studie nur auf Platz 16 geschafft. 

Also dann. Ich wünsche Dir alles Gute für die nächsten Jahre. Vielleicht schreibst Du ja sogar zurück, ich würde mich freuen. Hier noch ein paar Hashtags, die ich bei Insta jetzt rausknallen würde.

#albertschweitzerschule #7b #politik #bundesregierung #wagnerworks

@anna.wolf2006

Dein Erik Kaiser

2 Kommentare zu „An die Bundesregierung

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