Liebe Hörer

Es gibt ein außergewöhnliches Zitat von Hermann Hesse, das ich mir seit Jahren in unregelmäßigen Abständen immer wieder anhöre. Es ist ein Auszug einer Audiodatei von 1949, als Hesse im Alter von 72 Jahren aus einem seiner Bücher liest. Erstmals darauf aufmerksam geworden bin ich durch den vermutlich recht unbekannten Künstler Simon Drosten, der auf Soundcloud seit einiger Zeit verschiedene Mixtapes veröffentlicht. Diese Mixtapes kamen damals monatlich raus und sie begannen oft mit tiefgründigen Filmzitaten, die dann in melancholische Klänge übergingen. In diesem Fall leiten die Worte von Hermann Hesse das Mixtape ein. Es sind fünf einfache, aber tiefgründige Sätze, die von wenigen Akkorden begleitet werden und es so in mein Langzeitgedächtnis geschafft haben.

Die Aufnahme ist aus zweierlei Gründen besonders. Zum einen geht es um den reinen Inhalt. Hesse sagt:

„Liebe Hörer,
lassen sie mich über das Glück und das, was das Wort mir bedeutet, ein paar Worte sagen. Wenn altgewordene Menschen sich darauf zu besinnen suchen, wann, wie oft und wie stark sie Glück empfunden haben, dann suchen sie vor allem in ihrer Kindheit. Und mit Recht. Denn zum Erleben des Glückes bedarf es vor allem der Unabhängigkeit von der Zeit und damit von der Furcht sowohl wie von der Hoffnung. Und diese Fähigkeit kommt den meisten Menschen mit den Jahren abhanden. Glück war nur in der Kindheit erlebt worden. (…)“ 

Eigentlich habe ich das Thema Glück schon von verschiedenen Seiten beleuchtet, aber das hier ist eine sehr intelligente Wortwahl über die Abhängigkeit zu all dem, was um uns herum passiert. Und das Zitat passt perfekt ins Hier und Jetzt. In der Adventszeit sind vor allem die Kinder glücklich. Heute wie früher. Ihnen sind Termine egal und sie fürchten sich maximal vor dem Weihnachtsmann. Insbesondere die Unabhängigkeit von der Zeit wird ein Erwachsener kaum so erleben können wie ein Kind. Mit Ausnahme von Veranstaltungen wie Frühschoppen oder Vatertagstouren natürlich. An solchen Tagen sind die Menschen besonders glücklich, weil der Faktor Zeit in ihren betrunkenen Köpfen keine Rolle spielt. Der Moment wird einfach genossen, es gibt keine imaginären To-Do-Listen. Das klappt im Alltag leider selten. Vielleicht sollte unser Ziel an Weihnachten sein, die Festtage mit Kinderaugen zu betrachten. Wirklich nur an diesen drei Tagen, denn in der hektischen Zeit vor Weihnachten ist das kaum möglich. Zu viele Dinge müssen beruflich und privat noch erledigt werden. Aber zwischen dem 24. und 26. Dezember? Vielleicht mal an dem Satz orientieren: „Zeit ist das, was man von der Uhr abliest.“ Mehr nicht. Zumindest an Weihnachten nicht. 

Die wirklich besondere Note verleiht Hermann Hesse den Worten aber mit seiner Stimme. Als hätte er sie in Weisheit getränkt. Die Betonung und die Pausen sorgen dafür, dass der Hörer sofort das Gefühl hat, es mit einem erfahrenen, alten Mann zu tun zu haben, der mit wenigen Gedanken die Welt erklärt. Wer sich das Intro im Mixtape anhören möchte, klickt hier (Minute 00:00 bis 01:30):

https://soundcloud.com/simondrosten/liebe-h-rer-april-podcast     

So viel zum Podcast von Simon Drosten. Im Internet habe ich ein Video gefunden, in dem die Worte ebenfalls aufgegriffen worden sind. Nur die Zusammenstellung der Sätze ist ein klein wenig anders. Vor vier Jahren hat eine Studentin an einer Fachhochschule in Potsdam einen Kurs belegt, in dem ein beliebiges Zitat „anhand typografischer Objekte“ verfilmt werden sollte. Ich kenne die Studentin nicht, aber durch ihre kreativen Bilder gewinnt die Lesung von Hesse natürlich noch an Wert. Die einzelnen Worte werden bewusst in Szene gesetzt. Das Video dauert ebenfalls nur anderthalb Minuten, ist aber wirklich richtig gut:

https://vimeo.com/100144011

Fazit: Je älter wir werden, desto weniger sollten wir auf die Uhr gucken. Das können wir schaffen. Wir sind eh nicht alt. Nur schon länger jung. Deswegen haben manche von uns ja auch immer noch einen Flummi in der Tasche. 

Zeitlose Weihnachten!

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