12 Meter über dem Boden

Diesen ersten Satz zu beginnen, ohne das Ende des Textes auch nur ansatzweise zu kennen, fühlt sich ungewohnt an. Es soll eine beliebte Übung sein, ein leeres Dokument zu öffnen und die Finger fliegen zu lassen. Ich probiere jetzt aus, ob das wirklich so einfach ist und beende ohne wirklichen Plan immerhin schon den dritten Satz mit einem Punkt. Allein dadurch, so heißt es, dass man aufschreibe, nicht zu wissen was man schreiben solle, schreibe man ja schon. Aha.

Im fünften Satz werde ich nun plötzlich anfangen, von der Katze zu berichten, die vor zwei Stunden auf dem gegenüberliegenden Dachsims balanciert ist. An einem Samstagabend flieht sie aus dem Gewusel der Stadt und schafft es irgendwie, 12 Meter in die Höhe zu klettern und das Dach zu erreichen. Kein Scherz. Da sitzt sie nun in aller Seelenruhe. Ist das normal oder außergewöhnlich? Ich könnte sie ansehen und mir nichts dabei denken. Eine Katze auf einem Dach. Gut, Katzen klettern auch auf Bäume, bevor im schlechtesten Fall die Pieper der Feuerwehrmänner losgehen und eine herzzerreißende Rettungsaktion startet – wahrscheinlich mit Facebook-Post (#waitforit). Ich könnte aber auch hinsehen und mich fragen, welcher Instinkt dieses schwarze Wollding dazu gebracht hat, sich auf den Weg nach dort oben zu machen. Ohne den Blick abzuwenden staune ich, dass die Anwesenheit einer Katze es tatsächlich schaffen kann, die schwere Tür zum Raum der Philosophie einen Spalt zu öffnen. Ich muss ihr nur den Schlüssel geben. Nachdem ich das getan habe, sieht sie zu mir herab. „Was is?“, nuschel‘ ich vorwurfsvoll durch die Fensterscheibe. Sie fragt mich, ob ich auch schon mal da oben gewesen sei. „Ich? Auf dem Dach da?“ Ja, man würde sich dem Trubel viel zu selten entziehen, sagt sie. Sie erzählt mir davon, dass die Menschen langsam vergessen, Pausen zu machen. „Naja gut, ist ne Zeitfrage, der Alltag von Katzen und Menschen lässt sich schwer vergleichen“, sage ich. „Unser Intellekt erlaubt es uns, mehr zu machen als mit armen, halbtoten Mäusen zu spielen.“ Die Katze schüttelt enttäuscht den Kopf. Ich sei zwar seit langem der erste Mensch, der überhaupt mal bereit wäre, mit ihr zu kommunizieren, aber im Grunde genommen sei ich auch nicht anders als der Rest. „Bitte?“, frage ich verwundert. Dann beginnt ein Monolog, mit dem sie mich zum Zuhören bringt. Ich sitze in meinem Sessel und möchte wissen, was mir die Katze damit sagen will.

„Ok hör‘ zu, du Menschenspezialist: Wir alle, egal ob Mensch oder Tier, sind heruntergebrochen aufs Wesentliche einfach erstmal da. Alle zusammen, aber jeder in seiner eigenen Welt und in Schnittmengen mit Parallelwelten. Bildlich gesprochen: Ein riesiger Kreis, in dem sich ganz viele kleinere, überlappende Kreise befinden. Das kannst du dir doch vorstellen oder? Bist doch so clever. Die Kreise von Hunden und Menschen überschneiden sich aufgrund von gegenseitiger Sympathie zum Beispiel mehr als die von Insekten und Menschen. Wobei ich gar nicht weiß, was an den stinkenden Kötern so toll sein soll. Aber das nur so nebenbei. In dieses Sinnbild geben wir jetzt jedenfalls Farben. Das kühle Blau steht für wenig Intellekt und das warme Rot für Intelligenz. Für halbintelligente Wesen, wie z.B. Delfine, gibt’s violette Töne. Der Menschenkreis, der sehr viele Schnittmengen mit anderen Kreisen hat, ist leuchtend rot. Weil ihr leider viel zu schlau seid. Ihr wisst wahrscheinlich gar nicht, wie sehr ihr die Welt zu euren Gunsten verändert habt. Und der Kreis von Kühen ist, ohne den schlichten Glotzköpfen zu nahe treten zu wollen, kobaltblau.
So, das Bild hast du jetzt vor Augen? Gut. Was fällt auf? Richtig. Kaum ein Kreis ist so rot wie der von euch Menschen. Ihr könnt alles möglich machen, alles erfinden, seid unaufhaltsam. Aber – und jetzt kommt das Entscheidende – ihr vergesst, einfach auch mal da zu sein. Im tatsächlichen Sinne. So wie wir. Beispiel: Eine Glotzköpfin steht auf einer Weide. Sie frisst, kackt und ist da. Klar, wenig beneidenswert, aber ihr geht’s vermutlich gut. Nimm mich als nächstes Beispiel: Ich kletter‘ an einem Samstagabend auf ein Dach und gucke einfach über die Stadt. Sollte man mir nicht zutrauen, aber du siehst mich ja selbst hier sitzen. Lass mich dir sagen, dass eure unbegrenzten Möglichkeiten wirklich erstaunlich sind. Aber wann hast du das letzte Mal bewusst nichts gemacht? Und mit nichts meine ich tatsächlich nichts.
Dein Nachbar hat ne neue Akkupressur-Matte, kann ich von hier oben sehen. Da legt er sich jeden Tag für 15 Minuten drauf, stocksteif. Keine Musik, kein Handy, kein Fernseher. Der liegt da einfach, so wie ich hier auf dem Dach sitze. Und darum gehts! Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist der, dass wir uns nicht zwingen müssen, Pausen zu machen. Wir machen sie einfach, ohne weiter drüber nachzudenken. Intuitiv. Meinetwegen auch, weil wir zu doof sind. Aber in diesem Fall ist doof eben gut. Ihr hingegen lauft Gefahr, immer eine von euren unzähligen Beschäftigungsmöglichkeiten zu nutzen. Ihr solltet euch vornehmen, zu bestimmten Zeitpunkten Time-Out’s zu nehmen. Probier‘ es doch mal aus: Setz‘ dich auf eine Parkbank und bleib‘ da 15 Minuten sitzen. Einfach so. Wie ne Kuh auf ner Weide. Bloß mit dem Unterschied, dass all der Intellekt, der sich in deinem ach so großen Hirn befindet, endlich mal die Chance bekommt, die Dinge zu verarbeiten. Du wirst merken, dass sich deine Gedanken einen willkürlichen Weg suchen werden, während dein Körper bloß da ist. Eine Kuh ist sowohl körperlich als auch psychisch schlichtweg da, aber du kannst mehr als das. Du kannst deinen Körper einfach irgendwo absetzen, deinem Geist aber freien Lauf lassen und am Ende steht ihr zusammen auf und geht weiter.“

Ich schaue noch immer aus dem Fenster, stelle mir nichtstuende Leute auf Parkbänken vor und merke dann, dass die Katze längst verschwunden ist. Mir wird bewusst, dass mich gerade ein schlichtes Tier dazu gebracht hat, mich in meinen eigenen Gedanken zu verlieren. Bestimmt 10 Minuten hatte ich einfach da gesessen und war wie weggetreten. Mein Kopf fühlt sich erholt an. Und auf dem Tisch vor mir liegt der Schlüssel, den mir die Katze unbemerkt zurückgebracht haben muss. Ich fummel‘ ihn an meinen Schlüsselbund und kann selbst entscheiden, wer damit das nächste Blatt Papier füllen soll.

 

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