G20 – Hamburg in Flammen

Im allerersten Moment wusste ich nicht, wo ich war, als der Wecker an Tag 1 des Einsatzes um 03:25 Uhr klingelte. Mitten aus der Nacht gerissen, fiel es mir langsam wieder ein. Das Display des Handys brachte wortwörtlich ein klein wenig Licht ins Dunkle. Aufrichten, sammeln, kurz innehalten. Wenn mich da jemand auf der Bettkante sitzend fotografiert und sich Gedanken über passende Hashtags gemacht hätte (weil das heutzutage ja so gemacht wird), dann wären wohl #G20 #wobinich #warumgeradehamburg #preparation #gemischtegefuehle #wiesokeinurlaub #aufgehts passend gewesen. Gemischte Gefühle waren es tatsächlich, als wir uns um 04:30 Uhr per Kolonne auf den Weg ins Zentrum machten. Es wurde nicht viel gesprochen, was an einem Mix aus Müdigkeit, Unlust und Anspannung gelegen haben dürfte. Wie so oft, versuchte ich das, was mir jetzt bevorstehen würde, zumindest ein bisschen zu hinterfragen. Ich stellte mir vor, was in den nächsten Tagen passieren würde, welche Bedeutung das alles haben könnte und welche Rolle mir und meinen Kollegen dabei zugeschrieben wird.

G20 war für mich nicht greifbar. Natürlich wusste ich, worum es grundsätzlich geht, aber in politischen Sphären dieser Art halte ich mich üblicherweise nicht auf – auch gedanklich nicht. Bei der Vorstellung, dass die Spitzenpolitiker der 19 Länder bald irgendwie um mich herum sein würden, fiel mir die Sache mit Böhmermann und Erdogan wieder ein. Einen wie Böhmermann hätte ich gebrauchen können, mich hätte sein sarkastischer Blick auf den Gipfel im Voraus mal interessiert. Bei all seiner Dreistigkeit, die so dreist gar nicht immer ist, muss man ihm zugutehalten, dass er sich politisch einigermaßen auskennt, zumindest einen guten Überblick hat. Was den Gipfel betrifft, hatte ich kürzlich versucht, mich ein wenig schlau zu lesen. Um zu wissen, was da von vielen eigentlich kritisiert wird. Klar, wenn nur 19 Länder über Weltpolitik diskutieren, ist es logisch, dass Gipfelgegner die Frage nach den restlichen Staaten stellen. Und es ist auch klar, dass die Vorbereitungszeit von ca. anderthalb Jahren nicht im Verhältnis zu den wenigen Stunden steht, die die Staatsoberhäupter konstruktiv miteinander verbringen. Welches weltpolitische Thema kann so unbedeutend sein, dass der geringe Zeitansatz neben Opernbesuch und Abendessen dafür ausreicht? Aber da denke ich mit Sicherheit zu amateurhaft, denn die inhaltlichen Aspekte werden umfassend vorbereitet worden sein. Interessant war für mich die Information, dass das, was die mächtigsten Menschen der Welt da besprechen, nicht bindend sein soll. Am Ende stehen angeblich nur Vereinbarungen, doch es gibt kein Kontrollorgan, das die Einhaltung dieser Vereinbarungen überprüft. Aha. Macht dann jeder wieder was er will? Ist wohl zu naiv gedacht, aber eine gewisse Verpflichtung wäre doch nicht schlecht.

Hamburg war, vor allem in den Sicherheitszonen 1 und 2 um die Messehallen herum, so voll mit Polizeikräften, dass mir erneut bewusst wurde, wie absolut ernst der Sicherheitsaspekt in Zeiten von Terroranschlägen genommen wird. Das Thema Terror war im übrigen auch so ein Punkt, der zu den gemischten Gefühlen führte. Darüber dachte vor Ort sicherlich jeder kurz nach. Ich verwarf den Gedanken schnell wieder, würde eh nichts bringen. Wir hatten in der Folge 12 Stunden lang eine Kontrollstelle auf dem Sicherheitsring 2 zu besetzen und sollten die Akkreditierungen von ankommenden Personen und Fahrzeugen überprüfen. Wer nicht zweifelsfrei nachweisen konnte, berechtigten Zugang zu haben, wurde vorerst nicht durchgelassen. Auch die pompösen Kolonnen der Präsidenten passierten uns. Die Kontrollstelle war also eine wichtige Aufgabe, aber über einen so langen Zeitraum sehr zäh. Am Durchlass wechselten wir uns ab – wer nicht mehr stehen konnte, vertrat sich die Beine für einen Moment. In der Nähe befanden sich zwei größere Häuser des linken Spektrums, davor mehrere Werbetafeln. Eine davon wurde von fritz-kola genutzt. In schwarz-weißer Farbe war Wladimir Putin abgebildet, der schlafend an einem Tisch saß. Daneben der Slogan: „mensch, wach auf!“. Gerade jetzt, da der Gipfel vorüber ist, finde ich diese Werbung, die es auch mit Trump und Erdogan gibt, sehr passend. Die Politiker schlafen in der Elbphilharmonie fast ein, während zur selben Zeit (!) die ersten Autos brennen. Fast wirkt es so, als hätten die Entwickler der Kampagne die extremen Ausschreitungen geahnt. Von einem Balkon etwas weiter oben hing ein weißes Tuch, beschrieben mit dem Satz: „Ihr müsstet sie nicht schützen, würden sie uns allen nützen!“. Das richtete sich wohl an die Polizei und die Message fand ich gar nicht schlecht. Hamburg wollte sich mitteilen, den Gipfel nicht wortlos geschehen lassen. Alles völlig in Ordnung, aber schon am Donnerstagabend, als noch kein Politiker in der Stadt war, nahm die Gewalt bereits ein erstes Mal ihren Lauf. Auf der Rückfahrt schalteten wir den Funk nicht aus und waren so durch ständige Lagemeldungen auf dem Laufenden. Schon da entstand der Eindruck, dass die Gewaltbereitschaft extrem hoch sein würde.

Was am Freitag in Hamburg passiert ist, hat jeder mitbekommen. Und es wurde schon viel dazu gesagt. Viele bedeutsame Leute haben sich zu Wort gemeldet und ihre Meinung mitgeteilt. In der aus meiner Sicht sehr interessanten Pressekonferenz gaben die Verantwortlichen ihr Statement ab und stellten sich anschließend den Fragen der Journalisten. Ich wurde während des Einsatzes oft gefragt, ob ich an diesem Abend auch im Schanzenviertel war. Nein. Und nein, auch ich und meine Kollegen hätten nicht verhindern können, dass Autos in Brand gesetzt und Geschäfte geplündert werden. Das hätte – und das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – im Hinblick auf das taktische Vorgehen des schwarzen Blocks generell nicht verhindert werden können! Der Block teilte sich nach Ende der Versammlung in kleinere Gruppen auf, wechselte sogar die Kleidung. Scheiben einschlagen, Fahrzeug anzünden, weg. Schaufenster einschlagen, plündern, weg. Dach besteigen, Sachen herunterwerfen, zuschauen. Diese Leute waren zu fast allem bereit. In der Anonymität der Gruppe und ihrer Vermummung fühlten sie sich stärker denn je. „Welcome To Hell“, war schon zu Beginn eine klare Botschaft. Und deswegen hat die Polizeiführung bestmöglich versucht, darauf zu reagieren. Aber wie macht man es am besten? Wenn einer der erfahrensten Polizeiführer nach dem Einsatz sagt, dass er derartiges noch nie erlebt hat, dann wundert es mich fast, dass in Hamburg niemand ums Leben gekommen ist. Welche Methode soll man anstelle von „Zero-Tolerance“ anwenden? Erst machen lassen und gucken, wie es sich entwickelt? Super Idee. Das Problem des anfangs noch einheitlichen schwarzen Blocks ist, dass sich viele Mitglieder in den hinteren Reihen erst dann solidarisieren, wenn die Jungs vorne den Anfang machen. Erstickt man den nicht im Keim, ist es zu spät. Das sind Erfahrungswerte, das denkt sich die Polizei doch nicht aus. Ich kann total verstehen, dass sich Leute über Polizisten beschweren, die das Feingefühl verlieren und Zwang an falscher Stelle anwenden. Es gab diese Sequenz, in der ein Beamter an einer Kreuzung aus seinem Fahrzeug steigt und einem Demonstranten stumpf ins Gesicht schlägt. Das sieht übel aus und geht natürlich nicht, aber ich hörte, dass diesem Video ein paar Minuten genommen worden seien. Was ist die richtige Lösung, wenn sich der Demonstrant immer und immer wieder in den Weg stellt? Immer einfach wegtragen? Ab in die Gefangenensammelstelle? Aber dann kommt der Nächste. Wann ist Schluss? Und wann ist es verständlich, dass sich ein Polizist sagt: „Jetzt reichts!“? Ich glaube viele Demonstranten wissen gar nicht, dass der Gipfel auch von Einsatzkräften kritisch betrachtet wird. Nicht jeder Kopf, auf dem ein Schutzhelm sitzt, denkt, dass in Hamburg der Himmel auf Erden war und dass dieses doch so schöne internationale Fest aus vollster Überzeugung geschützt werden muss. Wir schützen nicht die politische Marschroute, sondern versuchen dafür zu sorgen, dass niemandem etwas passiert. Das sollte unbedingt gedanklich voneinander getrennt werden.

Für das Geschehene gibt es keinen alleinigen Schuldigen. Und es wäre falsch diesen zu suchen. Es war nicht allein Olaf Scholz, nicht allein Angela Merkel, nicht allein die Stadt Hamburg und schon gar nicht allein die Polizei. Ich persönlich bin übrigens nicht der Meinung, dass Scholz zwingend zurücktreten muss. Warum denn? Weil sich die Kriminellen nicht kontrollieren ließen? Das hätte auch ein anderer Bürgermeister nicht verhindert. Oder weil er für den Gipfel in Hamburg seine Zustimmung gegeben hat? Muss Merkel dann auch zurücktreten? Oder jeder zukünftige Bürgermeister, in dessen Stadt sich der Mob ankündigt? Ok, es gibt vielleicht bessere Austragungsorte, aber dann würde es ständig heißen, eine Vorzeigestadt wie Hamburg sei nicht in der Lage, die Verantwortung für ein solches Projekt zu übernehmen. Den perfekten Lösungsweg habe ich leider auch nicht auf Tasche. Da wären wir wieder bei den Sphären, in denen ich mich zu wenig auskenne. Ich befürchte jedoch, dass die Linksextremisten ihr Auftreten als Sieg werten und zukünftig ähnlich agieren werden. Ihre Gewaltbereitschaft ist das allergrößte Problem und ich hoffe sehr, dass es während einer 18-Stunden-Schicht, denn die gab es in Hamburg auch für mich, nicht irgendwann mal heißt: „Helm auf! Vorrücken!“ Für die Kollegen an vorderster Front, zu denen ich nicht zählte, muss es schrecklich gewesen sein. Teilweise sollen sie ca. 30 km in voller Ausrüstung zurückgelegt haben. Wie anstrengend das ist, kann sich nur derjenige vorstellen, der sie mal getragen hat. Aber wie es dann ist, stundenlang Steinen, Flaschen, Straßenschildern und Betonplatten auszuweichen, kann sich keiner vorstellen, der es nicht selbst erlebt hat – auch ich nicht.

         

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