Der Mann in der Kirche

Mit einem Affenzahn rannte Meggie die Treppe hinunter. Sie wusste, dass sie das nicht machen sollte. Und sie trug auch keine Stoppersocken, doch das war ihr in diesem Moment egal. Es war ihr sowieso alles egal, denn jetzt ging es los. An der digitalen Funkuhr in der Küche legte sie eine Vollbremsung ein, um sich absolut sicher zu sein. Die Uhr zeigte neben dem 24. Dezember unmissverständlich 15:04 Uhr. Auf Meggies Gesicht machte sich ein Lächeln breit. Bis vor kurzem hatte sie sich noch oben in ihrem Zimmer aufgehalten und dabei fast die Zeit vergessen. Sie hatte Weihnachtslieder von Rolf Zuckowski gehört, mitgesummt und verträumt aus dem Fenster geguckt. Eine halbe Glückssekunde verharrte sie noch vor der Uhr in der Küche, dann griff sie nach der Türzarge und zog sich kräftig heran. Das machte sie immer, wenn sie sich ordentlich Schwung für den nächsten Sprint geben wollte. Die Tür zum Wohnzimmer war geschlossen, doch das würde Meggie gleich ändern. Denn jetzt durfte sie es. Um 15 Uhr, hatte ihre Mutter gesagt, dürfe Meggie sie aus ihrem Mittagsschlaf reißen. Noch lagen ihre Mutter und ihr zukünftiges Geschwisterchen in aller Seelenruhe auf dem Sofa und Meggie fragte sich, wie man am 24. Dezember so abgebrüht sein kann. Der Gedanke wurde jedoch schnell von der Freude darüber verdrängt, dass sie ihrer Mutter trotz der Müdigkeit direkt nach dem Aufwachen ein Lachen abringen konnte. Offenbar funkelten ihre Augen bei dem Satz „Mama, es ist 15:04 Uhr und heute ist Heiligabend!“ ziemlich doll.

„Machen wir gleich den Spaziergang?“, fragte Meggie kurze Zeit später, während ihre Mutter in die Küche ging. Mit den Spaziergang meinte sie jenen, der zum 24. Dezember einfach dazugehörte. Doch so weit waren sie noch nicht, denn Meggie hatte die Tasse Kaffee vergessen, die es vorher zu trinken galt. „Papaaaa – Kaffeeee!“, schrie sie mit extra tiefer Stimme, um den Dingen etwas Nachdruck zu verleihen. Die Aufforderung wurde mit einem gewohnten „Komme!“ ihres Vaters aus dem Arbeitszimmer quittiert. Wie auf heißen Kohlen trank Meggie ihren trüben Apfelsaft, während sie dauernd an die anstehende Bescherung dachte und zum vierten Mal die Kerzen der Lichterkette am Weihnachtsbaum zählte. Wieder landete sie bei 18. Ihre Eltern schienen dieses Kaffeetrinken besonders zu genießen. Meggie kam es so vor, als wäre Heiligabend nicht nur für sie selbst etwas Besonderes. Alle waren fröhlich. Scheinbar jeder mit seinem ganz eigenen Blick auf Weihnachten. Fast hätte Meggie länger darüber nachgedacht, doch dann begann ihr Vater, sich die Schuhe anzuziehen. Vor der Tür stimmte er „Alle Jahre wieder“ an und Meggie stieg sofort mit ein. Später erzählte er die Weihnachtsgeschichte. Mit Myrrhe und Weihrauch und dem ganzen Kram. Meggie kannte die Geschichte natürlich. Zu dritt trotteten sie durch die Straßen, trafen einige Bekannte, pulten Mandarinen und warfen die Schalen einfach auf die Felder. „Das ist kein richtiger Müll!“ rief Meggie neunmalklug. Ihre Eltern schmunzelten.

Ungefähr 45 Minuten später fand sich Meggie auf dem Rücksitz des alten Mazda wieder. Ihr Vater fuhr sie, ihre Mutter und die alleinstehende Witwe aus der Nachbarschaft zur Kirche. Auch das gehörte für Meggie zu Heiligabend dazu. Natürlich in erster Linie, weil es ihre Eltern immer so gemacht hatten, aber Meggie fühlte sich an diesem Tag ehrlich wohl in der Kirche. Sie genoss es, schon einige Minuten vor Beginn des Gottesdienstes auf der schmalen Holzbank zu sitzen, dem Glockenspiel zu lauschen und zum Eingang hinüber zu gucken. Sie war erst neun Jahre alt, aber selbst in diesem Alter erkannte sie viele Leute, die Jahr für Jahr den Weg an diesen Ort fanden.

Dann öffnete ein alter Mann die Tür. Mit seinem starren Blick und dem langsamen Gang machte er einen angsteinflößenden Eindruck. Nervös rutschte Meggie ein Stück zur Seite, um auch den freien Platz neben ihr einzunehmen. Sie wollte nicht, dass sich der Mann dort hinsetzte. Doch genau in Höhe ihrer Reihe blieb er stehen. Er sah auf den Boden und fragte: „Ist hier noch frei?“. Meggie sagte nichts. Sie guckte einfach. „Klar“ hörte sie ihre Mutter sagen, die ihren Arm um Meggie legte und sie etwas zu sich zog, um ihr die Entscheidung abzunehmen. Eine Weile saßen sie wortlos da.

„Magst Du Weihnachten?“, flüsterte der Mann plötzlich und schaute dabei unbeirrt nach vorne. „Ja.“, antwortete Meggie in der Hoffnung, dass sich das Gespräch damit erledigt hätte. „Warum?“, wollte der Mann wissen. „Na wegen der Bescherung. Das ist das Beste.“ Der Mann lachte kurz. „Ja, das habe ich in Deinem Alter wohl auch gedacht. Aber das wird sich mit den Jahren noch ändern“. Das verstand Meggie nicht. „Wieso wird sich das ändern?“, fragte sie. „Nun ja, ich bin 83 Jahre alt und gehe seit vielen Jahren an Heiligabend Abend zum Gottesdienst. Und ich habe das Gefühl, dass mir dieser Moment mehr wert ist als das beste Geschenk.“ Meggie sah ihn fragend an. „Weißt Du, ich glaube nicht mal richtig an Gott.“, erzählte er weiter. „Aber für mich steht während dieser Dreiviertelstunde in der Kirche die Zeit still. Ich fühle mich, als würde ich Kraft tanken. Ich komme hier her, suche mir einen Platz und lasse mich einfach mal fallen. Ich höre mir die Predigt an und denke über das große Ganze nach. Dann frage ich mich, was im letzten Jahr gut und was schlecht gelaufen ist. Ich sehe mir auch die anderen Menschen in der Kirche an. Und obwohl ich viele von ihnen nicht kenne, glaube ich, dass nur die wenigsten das Recht haben, sich über irgendetwas zu beklagen. Uns geht es hier ziemlich gut.“ Meggie unterbrach den Mann: „Mir geht es auch gut.“ Nun sah er ihr das erste Mal in die Augen: „Schön. Doch die Kunst ist, das auch auch wertzuschätzen. Das, was wir hier haben, ist nicht selbstverständlich.“

Auf dem Heimweg dachte Meggie über die Wortes des alten Mannes nach und wirkte dabei scheinbar ziemlich abwesend. „Warum hast Du die Augen zu?“, fragte ihr Vater, der sie durch den Rückspiegel genau beobachten konnte. Meggie hatte gar nicht gemerkt, dass sich ihre Augen geschlossen hatten. Ohne sie wieder zu öffnen sagte sie mit ruhiger Stimme: „Ich probiere, meinen Akku wieder aufzuladen.“

Ein Kommentar zu „Der Mann in der Kirche

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  1. Da merkt man doch die auch heute noch große Vorfreude des Returnbretts. Die Gedanken sind unwillkürlich bei Heiligabend mit dem Höhepunkt der Bescherung! Oder sollte das jetzt doch nicht mehr das Wichtigste sein?? Ich bin mal gespannt, ob er demnächst (Heiligabend) neben einem alten Mann in der Kirche sitzen wird, um dann auf der Rückfahrt seinen Akku aufzuladen. Die so sehnlichst gewünschte Drohne mit HD-Kamera könnte dann wohl sekundär sein…???

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