Von Übelkeit und Schmetterlingen

Als sie den verwahrlosten Raum betrat, stand er in der Tür zur Küche. Er rechnete fest damit, dass sie zumindest das Gesicht verziehen oder auf irgendeine andere Art und Weise zu erkennen geben würde, dass das, was sie hier erwartete, nicht komplett spurlos an ihr vorbeigehen konnte. Ansonsten wäre es eine schauspielerische Meisterleistung. Doch während ihr Blick kurz das Zimmer scannte, änderten sich ihre Gesichtszüge nicht. Sie rümpfte nicht mal die Nase. Erst als sie ihn mit seinem Klemmbrett neben den schimmeligen Essensresten auf der Spüle erblickte, bewegten sich ihre Mundwinkel leicht nach oben. Sie musste tatsächlich etwas lachen. Dafür konnte ausschließlich die Klammer auf seiner Nase verantwortlich sein. Er wusste, dass er damit unprofessionell aussah, aber die Nasenklammer stand ihm in diesen Situationen im Kampf gegen den Ekel zur Seite. Elegant gekleidet ging sie auf ihn zu, während er die Klammer noch vor seinem ersten Wort abnahm, um den Vergleich zu Kermit dem Frosch gar nicht erst zuzulassen.

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und stellte sich auffallend freundlich vor. Marla Weber. Schöner Name, dachte er. Viel zu schön für diesen Ort. Selbstbewusst und souverän zog sie eine Wolke aus Parfüm und Shampoo hinter sich her, für die er sich später noch beim lieben Gott bedanken würde, falls dieser sie geschickt haben sollte. So kam es ihm nämlich vor. Mit ihr war sehr viel mehr Attraktivität durch die Tür gekommen, als er erwartet hatte. Eher hatte er mit zwei alten Männern im Anzug gerechnet, die dann pietätlos ihre Arbeit verrichteten und am Ende noch irgendeinen blöden Spruch abließen. Allerdings – das musste man ihnen lassen – konnten diese gefühlskalten Typen immer gut anpacken. Ihm fiel ein kleiner Stein vom Herzen, als er durch ein Fenster sah, wie ein Mann vor der Wohnung eine Zigarette rauchte. Sie waren also wie üblich zu zweit gekommen, was bedeutete, dass er selbst nicht nochmal Hand anlegen musste. Zum Glück. Die grünen Einmalhandschuhe hatte er schon ausgezogen, um sich ein paar Dinge für den Ermittlungsbericht zu notieren, den er später schreiben würde. Außerdem hätte er ohnehin versucht, seinen Kollegen vorzuschicken, falls das notwendig gewesen wäre. Doch der führte gerade Befragungen in der Nachbarschaft durch, weshalb es in dem miefenden Zimmer zumindest für die Dauer einer Zigarette nur sie, ihn und die Verwesung gab. Als sie vor ihm stand und aus Neugier auf den aufgefundenen Ausweis blickte, den er unter dem Klemmriemen positioniert hatte, überlagerte ihr Duft für einen kurzen Moment das, was er zuvor beim Inspizieren der Wohnung ungefähr eine Stunde lang mit jedem Atemzug in sich hineingezogen hatte. Bei dem Gedanken daran, dass der Gestank tatsächlich über die Lunge in seine Blutbahn gelangt sein könnte, nahm er sich vor, während der Unterhaltung mit ihr weniger auszuatmen. Totaler Quatsch eigentlich, da er – wie immer – einen Fisherman’s Friend im Mund hatte. Aber was tat er nicht alles, um krampfhaft sympathisch zu wirken. Dabei hatte er das gar nicht nötig. Er wusste zwar, dass er für die Geschichten, die sein außergewöhnlicher Job manchmal schrieb, mit großen Augen angesehen wurde, aber er war insgesamt keine schlechte Partie. Außerdem würde ihr das wohl nicht anders gehen. Gerade ihr nicht. Eine Frau mit dieser Ausstrahlung und dem perfekt sitzenden schwarzen Hosenanzug würde man eher in der Führungsetage eines namhaften Immobilienkonzerns erwarten als in einer Branche wie dieser. 

Er fand es selbst etwas komisch. Ein bisschen fühlte es sich so an, als wäre seine Wahrnehmung nicht legal. Als wäre sie in diesem Umfeld ein Tabu. Aber von solchen Überlegungen musste er sich freimachen, denn jemand hatte ihm mal gesagt, dass jedes Gefühl echt sei, sonst würde man es ja nicht spüren. Das klang absolut logisch für ihn. Trotzdem brauchte er einen Moment, um zu realisieren, was hier eigentlich passierte. Er ertappte sich dabei, dass er sie beobachtete. Und dass sie ihm immer mehr gefiel. Ihm gefiel die Frau, die sich die Haare zusammenband und sich dann nach vorne beugte, um die Folie auf dem Boden auszubreiten. Einer der oberen Knöpfe ihrer weißen Bluse stand offen, was ihn für eine Sekunde vergessen ließ, dass dieser Ort bis vor wenigen Minuten noch weniger als überhaupt nichts gehabt hatte, das zu einer spürbaren Sympathie hätte führen können. Doch diese Frau änderte alles. Selbst als sie, umgarnt von den unzähligen Fliegen, den ersten Arm des Toten nahm, um ihn auf dem erkalteten Oberkörper abzulegen, ließ das Gefühl nicht nach. Dass der Arm dem Gesetz der Schwerkraft unterlag und ständig wieder herunterrutschte, irritierte sie scheinbar nicht. Vorsichtig trat sie um die Fäkalien herum, um auf die andere Seite zu gelangen. Sie ergriff nun auch den zweiten Arm und versuchte die Hände auf dem Bauch übereinander zu legen. Anschließend wandte sie sich den Beinen zu, die an manchen Stellen von Maden übersät waren.

Er musste sie ansprechen. Er musste ihr signalisieren, dass sie ihn mit ihrer Art beeindruckte. Noch bevor ihr Kollege hinzukommen würde. Aber hier? Was sollte sie von einem Mann denken, der in dieser Situation Flirtgedanken hatte? Er konnte sie ja schlecht nach einem gemeinsamen Abendessen fragen, während sie diesem Haufen Fäulnis ausgesetzt war. Nach ihrem Versuch, den Unterkiefer irgendwie noch oben zu drücken, registrierte er, noch immer wie angewurzelt in der Küchentür stehend, das kleine goldene Etwas, das alles veränderte. Trotz der Begeisterung für diese Frau spürte er nun etwas Erleichterung. Dieses goldene Ding an ihrem Ringfinger riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah es, als sie die Handschuhe wechselte. Plötzlich nahm er den beißenden Geruch wieder wahr. Sie war verheiratet. Und sie tat hier einfach nur ihre Arbeit, mehr nicht. Verwundert, aber irgendwie dankbar, kratzte er sich am Kopf. Ihr war es tatsächlich gelungen, ihn in diesem widerlichen Umfeld alles um sich herum vergessen zu lassen. Obwohl sie nicht viel gesprochen hatte, kam er sich vor, als hätte er soeben ein Seminar zum Thema „Wenn’s plötzlich funkt“ besucht. Zum Glück hatte der Ehering den Tagtraum beendet und nicht ihr Kollege, der nun mit einem viel zu lauten „Mahlzeit. Oh, schöne Scheiße.“ in das Zimmer trat und damit das Berufsklischee eines Bestatters viel mehr erfüllte, als sie es zuvor getan hatte.    

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